Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 33. Band.1916
Seite: 134
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land. Wobei wir allerdings uns nicht im unklaren
sein wollen — jeder Stabsarzt, und noch
mehr jeder Bataillonsführer, wird das bestätigen
—, daß wir Intellektuellen als Musketiere trotz
allen guten Willens nicht entfernt den Vergleich
auszuhalten vermögen mit einem Ackerknecht
oder einem Fleischhauer, dem für das Handwerk
des Krieges Intelligenz und Muskeln in
ganz anderem Maße vorgebildet sind. So ein
Maler, so ein Schriftsteller, feinnervige Geister,
was sind sie, wo es ganz und gar auf die rohe
physische Kraft ankommt? Zehn Pfund mehr
im „Affen", der zwanzigste Kilometer und alle
Intellektualität ist in Schweißströmen ersoffen.
Wir sind nicht die besseren Soldaten, wir Geistesmenschen
, das sehe ich mit jedem Tag
mehr, den ich in dem bunten Tuch stecke.
Warum das nicht eingestehen?! Es ist ja auch
für den Diplomaten keine Schande, in der
Bibelauslegung nicht so Bescheid zu wissen,
wie ein Pfarramtskandidat. Darum sage ich,
es ist keine Zeit für den Künstler; die Raufbolde
vom Schlag des Cellini dürften damals
schon die Ausnahme gewesen sein.

Für den Künstler gar, der in seiner Werkstatt
bleiben konnte, ist es erst recht keine
Zeit. Ich kann mir keinen schöpferischen Geist
denken, der wie Archimedes in stiller Klause
sitzen und sinnen und gestalten könnte, während
die Menschenbrüder ringsum sich in Brand
und Blut verrasen. Und wir wissen ja auch
von keinem einzigen, der die Kraft gehabt
hätte, da weiter zu machen, wo er im Juli 1914
gestanden hatte. Ueber wie vieles, was da im
Werden war, hat die Zeit sich wie ein Dunstmeer
gelagert. Muß ich Sie, an Sie selbst erinnern
? Waren Sie nicht voller Bilder, Pläne,
Ziele und ist über dem Sterben rundum nicht
die Hand matt geworden? — — —

Ich weiß, Sie empfinden das, dieses Nicht-
mitkommen bei der fixen Umorientiererei als
ein persönliches Geschick, als Weltungewandt-
heit, individuelles Unvermögen gegenüber jener
Hurtigkeit, die Kunst und Aktualität auf
jeden Telephonruf hin zu liefern imstande ist.

Doch, Sie wissen so gut wie ich, daß solche
Erwägungen unstatthaft sind. Diese Kriegsund
Hindenburgmaler, die die Woge der Konjunktur
auf einen Augenblick emporgetragen
hat, sind kein Vergleichsobjekt für den Künstler
, der Menschheitswerte zu formen gewillt
ist. Was, frage ich Sie, haben sie heimgebracht
von ihrem Gehetze von Front zu Front,
von Hauptquartier zu Hauptquartier! Dieser
Bilderbogenkrieg, diese Illustrationsklischees
für die Kriegschroniken, das alles ist doch
leere, hohle, aufgeblasene Phrase gegenüber
den schaurigen Schrecknissen, die diese Zeit

über das arme Europa gebracht. Zum Glück
habe ich ja, alle die Monate seit meiner Einberufung
, fast nichts mehr von dem gesehen,
was in dem Genre — massenhaft scheinbar
■— geliefert wird. Aber ich darf nicht zurückdenken
an die Sachen, die mir, noch ehe ich
am eigenen Leibe das Kriegsleben kennen zu
lernen Gelegenheit hatte, vor die Augen kamen.

Je näher ich an diesen Kriegsbrand herankomme
, je mehr ich in das Detail dieses menschenfressenden
Handwerks eindringe, je mehr
ich schließlich — als Kamerad — von den
Kameraden die 10, 12, 14 Monate Schützengraben
hinter sich haben, höre, was erlebt
werden kann und erlebt worden ist, um so
schaler und bedeutungsloser mußte mir diese
„Kriegskunst" werden. Zeitgemäß ist sie nur
in der einen Aeußerlichkeit, daß sie uniformierte
Menschen in möglichen — aber öfter
noch in unmöglichen — Kampfessituationen
aufzeigt. Von dem, was in diesen schweren
Tagen in den Menschen, in unseren Soldaten,
vorgeht, ist da nichts, rein gar nichts zu verspüren
. Ich glaube, ich wage es mit Bestimmtheit
zu behaupten, daß unsere Feldgrauen, die,
die wirklich draußen waren, für die Art Bilderei
und Poeterei kein Verständnis haben
werden. Die Pathetik, die da beliebt ist, das
schwulstige Geklinge eisern rasselnder Phrasen
mußte ihnen unter den unsagbaren Mühseligkeiten
des Dienstes — und was anderes als
Dienst ist es, was sie so aufopfernd leisten —
etwas ganz und gar Unverständliches werden.
Wach und groß in ihnen geworden sind die
allermenschlichsten Empfindungen, das Leiden
an der Welt und das ganz große Mitleiden,
das Christus nach Golgatha brachte, die nim-
mersatte Liebe von dem Einen zum Nächsten,
stilles Entsagen, Opferbereitschaft, heldenhafte
Hingabe an Menschen und Ideen, Wille zum
Dienen und zum Beglücken und die volle Wehmut
über die Vergänglichkeit alles Echten,
Guten, Schönen, mit einem Wort das ganze
Register urtümlichster Empfindungen, zu denen
die Menschheit hinzuführen die Mission des
einen einzigen Rembrandt gewesen.

Seien Sie mit mir überzeugt, mit diesem
Krieg, der ja nicht ewig dauern kann, wird
das Ergötzen der Daheimgebliebenen an dem
feldgrauen Genre abgeflaut, will sagen, einer
andern Aktualität gewichen sein. Seine Unewig-
keit wird es schon erwiesen haben, wenn aus
den eroberten Landen die Kämpfer in der Heimat
zurück sein werden. Die werden nichts finden an
dem Geflunker von den Schützengräben, an dem
leichtfertigen Soldatenlatein, das jetzt so aufmerksame
Zuhörer zu finden scheint. Der Krieg,
den sie dann hinter sich haben war doch etwas

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