Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 33. Band.1916
Seite: 135
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TONI V. STADLER GEWITTERSTIMMUNG AN DER HAVEL

Aasstellung der Galerie Heinemann, München — Angekauft von der Kgl. Pinakothek, München

sehr anderes, und ich glaube, sie werden kein
Verständnis mehr haben für das martialische
Gehabe, das, genau genommen, eine Verläste-
rung dieser bitterschweren Zeit ist.

Lächeln Sie nicht über meinen Optimismus.
Auch ich habe bis vor Monaten in der Befürchtung
gelebt, daß das Ergebnis dieses Völkerringens
für die Kunst eine gewaltige Reaktion
sein werde. Schon haben unsere ausgesungenen
Leiern und ausgepinselten Paletten
Morgenluft zu wittern geglaubt, schon haben
sie die altbekannten Sprüchlein von ihrer ganz
besonders patriotischen Kunst erschallen lassen
; aber das dürfte diesmal nicht verfangen.
Die Kameraden, die für Massensuggestionen
wohl nicht mehr in der alten Weise empfänglich
sein dürften, sind mir Bürge dafür. Das
Uebermaß tief menschlicher Empfindungen,
dem wir erlegen sind, wird sie, soweit sie überhaupt
angetan sind, künstlerische Forderungen
zu stellen, große Menschlichkeit, und das will
nichts anderes besagen als: große Form von den
zukünftig Schaffenden verlangen machen.

Ob wir Soldatenbilder oder nicht Soldatenbilder
dann bekommen werden, dürfte dabei
eine ziemlich müßige Erwägung sein. In den

Herzen dieser Männer wird ein Verlangen nach
Echtem und Edlem, nach Erhabenem und Erhebendem
, nach zart und tief Empfundenem
sein. Und wennSie wieder ein friedsam schönes
Stilleben zu bieten haben, wieder eines von den
kleinen schlemmerigen Stücken, die ich immer
als Synthese von Cezannescher Geistigkeit
und altniederländischerSinnlichkeit empfunden
habe, so wird diese kommende Zeit auch Ihre
Zeit sein. Denn nach diesem Aufrühren der
Seelen wird es die Zeit sein für die, die mit
der Seele malen und ringen.

Ob ich mich einer allzu großen Hoffens-
seligkeit hingebe. Gewißheit über das, was
morgen sein wird, hat keiner, wo eine ganze
Welt im Wanken und Krachen ist. Aber ich
sehe vor mir die in Feuer und Not durchstählten
Millionen. Ich glaube an sie, die in
einer männlichen Kunst ihre Erhebung finden
werden. Und — für das Ergötzen der anderen
wird schon wie stets von denen, die sich auch
Künstler zu nennen pflegen, gesorgt werden.

Drum, nur nicht irritieren lassen von dieser
jammerbaren Zeit. Die der produktiven Geister
liegt vor uns. Ihr Kampfgenosse

Paul Westheim

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