http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_33_1916/0178
BERLINER SECESSION 1915
Von E. Plietzsch
Es ist das Schicksal jeder neuen Wahrheit,
als Paradoxon geboren zu werden und als
Trivialität zu enden. Die Geschichte der Berliner
Secession bestätigt diesen Satz. Als die
Secession eine Vergangenheit von mehr als
20 Ausstellungen hinter sich hatte, da geriet
sie allmählich in Gefahr, langweilig zu werden
. Die Kunstformen und die Erkenntnisse,
um die man vor 20 Jahren gekämpft hatte,
waren inzwischen Erkenntnisse und Formen
von vorgestern geworden, die selbst der kunstfremde
Laie begriffen oder an die er sich zum
mindesten gewöhnt hatte. Man entdeckte jetzt
auch, daß unter dem bestrickenden Klange des
jugendfrischen Namens „Berliner Secession"
viele unbedeutende Maler mit hochgekommen
waren, die nichts Wertvolles und Eigenes zu
geben haben. Wenn die Secession wieder eine
fortschrittliche Vereinigung werden wollte, dann
mußte sie der inzwischen herangewachsenen
jungen Generation neuer Maler in ihren Ausstellungen
den meisten Raum gewähren und
sie mußte unter ihren alten Mitgliedern „fürchterlich
Musterung halten". Man hielt diese
Musterung, aber da nicht allein Fragen künstlerischer
Natur zur Spaltung der Secession
führten, so ergab diese Trennung keine reinliche
Scheidung. In der Gruppe der fortschrittlich
gesinnten Künstler, die sich unter der
Führung Liebermanns und Slevogts zur „Freien
Secession" zusammenschloß, befinden sich immer
noch Maler wie Baluschek, Klein-Die-
pold u. a. Und die erste Ausstellung jener
übriggebliebenen Künstler, die als „27. Ausstellung
der Freien Secession" im Oktober in
neuen Räumen am Kurfürstendamm eröffnet
LOVIS CORINTH
STILLEBEN
Aufstellung der Berliner Secession — Mit Erlaubnis von Bruno Cassirer, Berlin
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