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und graphischen Werkes von Oskar Graf
und Cäcilie Graf sofort und in seltener
Stärke zum Bewußtsein kommt. Auch noch
für etwas anderes ist dieses Künstlerpaar ein,
fast hätte ich gesagt, schulmäßiges Beispiel.
Man weiß, daß der Frauenkunst in sehr vielen
Fällen nur deshalb keine höhere Bedeutung
zukommt, weil sie dasselbe und meist sogar
um einige Grade unbestimmter sagt wie die
Männerkunst. Wirklichen Wert kann aber die
Kunst der Frau nur dann haben, wenn sie
uns über die Menschen und die Natur etwas
verrät, das Männeraugen nicht zu sehen und
Männersinne nicht zu erkennen vermögen;
wenn sie also die Männerkunst ergänzt und
unser Wissen von den Dingen erweitert und
vertieft. Solche echte Frauenkunst gibt es,
allerdings selten genug. Und hier haben
wir ein Beispiel dafür. Oskar Graf und Cäcilie
Graf haben im großen und ganzen das
gleiche Stoffgebiet. Sie malen sogar manchmal
die gleichen oder wenigstens nahe verwandte
Motive. Aber es werden doch immer
ganz verschiedene Bilder daraus. Zwar: der
Oberflächliche wird ja wohl gelegentlich die
Handschriften verwechseln. Wer sich aber
erst einmal in die Eigenart eines jeden der
beiden Gatten hineingesehen hat, der wird
sich nicht mehr irren können. Im Gegenteil:
er wird erkennen, daß hier tatsächlich das
oben erwähnte Ideal erreicht ist: daß nämlich
Frau Cäcilie Graf stets die spezifisch
weibliche Auffassung des gleichen wie auch
jedes anderen, nur von ihr allein gewählten
Motivs gibt und daß durch dieses Nebeneinander
beider Auffassungen unsere Kenntnis
von dem Wesen solcher Motive wie des Künstlerischen
im allgemeinen eine viel reichere
wird als sie sonst sein könnte. Hier ist also
die Frauenkunst nicht eine im Grunde überflüssige
Wiederholung, sondern eine wertvolle,
durch nichts anderes zu ersetzende Ergänzung
der Männerkunst.
Vielleicht ist es etwas mehr als ein Zufall,
wenn zwei Menschen, die sich so harmonisch
zum Ganzen fügen, zueinander finden. Man
muß das um so eher annehmen, als die Pfade
Oskar Grafs und seiner Gattin sich erst nach
mancherlei Umwegen kreuzten. Oskar Graf
ist in Freiburg i. B. geboren, und nach seiner
Vaterstadt hat er sich früher Graf-Freiburg
genannt. Er sollte ursprünglich Kaufmann
werden, aber günstige Umstände machten es
doch möglich, daß er nach München ziehen
und zunächst bei Knirr und bei Schmidt-
Reutte, dann bei Adolph Holzel (in München
und Dachau) studieren konnte. Auch in Paris
hat er die für einen deutschen Künstler der
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