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CÄCILIE GRAF
VENEDIG (RADIERUNG)
andern, mag nun ein geharnischter Ritter
oder eine schöne, verträumte, junge Frau die
Stelle des Kindes einnehmen. Man wäre aber
im Irrtum, wollte man nun glauben, daß diese
Gestalten im Organismus des Bildes (oder der
Radierung) gar nichts anderes zu tun hätten
als Stimmung zu erzeugen. Graf wäre nicht
der aus dem Urquell des Künstlerischen schöpfende
Meister, der er ist, wenn er nicht auch
bildarchitektonische Absichten damit verbände.
Am deutlichsten wird das, wenn er in einem
Park den horizontalen Linien der Beete,
Bänke, Hecken usw. einige hohe, schlanke,
in bauschige, faltige Gewänder gehüllte Frauengestalten
als kräftige Vertikale entgegenstellt,
oder in seinen großen dekorativen Gruppenbildern
mit Barock- oder religiösen Motiven.
Es ist sehr lehrreich, diese Bilder auf Raumgliederung
, Verteilung von hellen und dunklen
Flecken und dergleichen zu studieren. Und
es spricht wohl am allerstärksten für Grafs
Künstlertum, daß man das kann, ohne die
Stimmungswerte der Bilder anzutasten oder
gar außer Wirksamkeit zu setzen. Hier ist
eben alles so fest und sicher verankert, daß
sich eins aus dem andern von selbst ergibt;
das Ganze aber stellt einen richtigen, gewachsenen
Organismus aus Form und Farbe,
aus malerischen und Stimmungswerten dar.
Es sieht so aus, als hätten wir über diesen
Ausführungen, die nur Oskar Graf zu
gelten schienen, Cäcilie Graf vollständig vergessen
. Wer aber den Sinn dessen, was
eingangs über das Verhältnis der echten Frauenkunst
zur Männerkunst gesagt worden ist,
richtig erfaßt hat, wird bemerkt haben, daß
jedes Wort über Oskar Grafs Kunst in einem
bestimmten, modifizierten Sinne auch auf
Cäcilie Graf anwendbar ist. Man müßte also
eigentlich alles wiederholen und nur jeweils
die erforderlichen Einschränkungen oder Zusätze
machen, um ein richtiges Bild ihrer
Kunst zu erhalten. Das erübrigt sich aber
aus dem eben genannten Grunde. Die einzige
wirklich nötige Ergänzung ist einiges Biographische
, das hier noch folgen möge. Cäcilie
Graf ist in Erlangen als Tochter eines
Universitätsprofessors geboren. Sie war erst
nur Malerin, studierte in München bei Gabriel
Max und Nikolaus Gysis und lebte, wie
ihr Gatte, abwechselnd in München und
Dachau. Auch sie ist in der Strichradierung,
in der sie sich einige Jahre früher wie Oskar
Graf zu versuchen begann, Autodidaktin; in
der Behandlung der Aquatintatechnik ist sie
Schülerin ihres Mannes. Gleich diesem hat
sie neben allerlei Figürlichem (rein Landschaftliches
ist seltener) zahlreiche Städteansichten
radiert und u. a. für eine Mappe „Venedig"
Blätter von hohem technischen und künstlerischen
Reiz beigetragen. Auch anmutige,
sinnvolle Exlibris, Neujahrskarten und sonstige
Gelegenheitsarbeiten schuf sie, abwechselnd
mit ihrem Gatten. Und wenn dieser in
seinen großen Blättern mit Motiven aus Industrieanlagen
und neuestens in seinen Ra-
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