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allein durch den anderen Charakter der
Oberfläche in Farbe und Art der Lichtaufnahme
, nicht allein durch eine andere Behandlung
von Einzelheiten wie Auge und
Haar. Das plastische Denken ist dem Gesamtentwurf
gegenüber ein völlig anderes.
Schon in der Benutzung verschiedenen Handwerkszeuges
, Meißel und Hammer an Stelle
von Modellierhölzern, liegt ein Hinweis, daß
die Form durchaus verschieden sein muß.
Wem diese Andeutungen trivial vorkommen
, der erinnere sich, daß die meisten Bildwerke
des 19. Jahrhunderts und die Mehrzahl
auch heute noch in Ton gedacht sind
und dann aus materiellen Gründen in Bronze
oder Stein übersetzt wurden. An einer römischen
Kopie nach einer griechischen Plastik
erkennt man leicht, ob das Original
Bronze oder Stein gewesen ist. Bei der Kopie
nach einem Bildwerk unserer Zeit wäre
das nicht mit Bestimmtheit zu sagen. Meistens
wird man erklären müssen: es kann sich um
Bronze oder auch um Marmor handeln.
Die Bronzeplastik kann des Hilfsmodells
aus Ton oder Wachs nicht entbehren
. Bei dem Entwurf des Modells auf die
charakteristischen Eigenschaften der Bronze
Rücksicht zu nehmen, wird nicht allgemein
als notwendig erachtet. Ja, man empfindet
es neuerdings als einen besonderen Reiz, die
Unebenheiten und Aufrauhungen, die durch
Zufall und Absicht auf der bildsamen Tonmasse
entstehen, im Metall festzuhalten. Eine
derartige Bereicherung der Oberfläche prinzipiell
abzulehnen, wäre pedantisch. Aber
es muß betont werden, daß die eigentliche
plastische Qualität nichts damit zu tun hat.
Diese wird um so klarer und bestimmter zur
Sprache kommen, je intensiver bei der Konzeption
des Modells der Sinn auf die Wirkungsform
der Bronze gerichtet ist. Auch
hier ist es wie bei dem Verhältnis von Stein
zu Bronze nicht bloß die eigentümliche Färbung
und Lichtspiegelung der Metallhaut, die
erwogen sein will. Von dem ersten Einfall
bis zur letzten Korrektur muß während der
Arbeit am Modell die Vorstellung klar und
wirksam bleiben, daß an Stelle des weich
nachgebenden Stoffes eine feste Schale tritt,
die jede Form wesentlich straffer, prägnanter
artikuliert erscheinen läßt. Kurzum,
auch hier ist es nicht lediglich eine Angelegenheit
der Oberfläche, die als Bronze wie
Bronze wirken soll, sondern die plastische
Anlage insgesamt hat von anderen Voraussetzungen
auszugehen als beim Ton und
Marmor. Das klingt selbstverständlich,wird
aber in der Praxis bisher nur von einzelnen
mit Bewußtsein und — dem notwendigen
handwerklichen Können befolgt. Es erscheint
vorläufig noch als besondere Tat,
und sollte doch conditio sine qua non sein.
Die „Penthesilea", die hier (S. 185) im Zustand
des Werdens abgebildet ist, zeigt, was
Wenck jetzt unter Marmorplastik versteht.
Er holt die Figur ohne Modell aus dem Stein
heraus. Nur kleine Skizzen unterstützen die
Vorstellung, die begreiflicherweise bei solchem
Gang der Arbeit in wesentlich höherem
Maße geklärt sein muß, als wenn das
plastische Thema in Ton ausprobiert wird.
Das Wort Bild h a u e r erhält erst nun wieder
seine ursprüngliche kraftvolle Bedeutung
. Mit jedem Hammerschlag, den der
Künstler nicht dem üblichen Handlanger
überläßt, reift das handwerkliche Können.
Und künstlerische Erkenntnisse treten ins
Bewußtsein, die nur aus diesem handwerklichen
Vorgang stammen. Denn die rein manuelle
Tätigkeit ist untrennbar verknüpft mit
dem Willen, der die ersehnte Form einem
harten Gestein abzuzwingen trachtet.
Durchaus als Bronze empfunden ist die
Figur des „sinkenden Jünglings"(Abb. S. 183).
Auf der Plinthe steht die Inschrift „Linos"
als Hinweis auf eine griechische Sage, die
wohl kaum den Anlaß zu dem Entwurf gegeben
hat, ihn jedoch nach der inhaltlichen
Seite erläutert. Linos, ein jugendlicher Hirt,
der plötzlich, von einer unsichtbaren Macht
getroffen, lautlos zusammensinkt:
„Du stürmst herein mit wilden Sinnen,
Gleichwie ein Sturm in einen Wald. —
Und wie ein Hauch gehst du von hinnen,
Dir selbst verwandelte Gestalt".
Es wäre zu wünschen, daß dort, wo das
Verlangen nach Kriegerdenkmälern auftaucht
, Monumente gewählt werden, die nach
Richtung und Gehalt diesem Jüngling gleichen
. Die glattpolierte Oberfläche mag anfangs
den modern gestimmten Kunstfreund
verletzen. Ihm hat das cuivre poli diese Art
der Behandlung verleidet. Eingehende Betrachtung
wird ihn aber davon überzeugen,
daß hierdurch die Klarheit der Bewegung
wie die Prägnanz der Form intensiver zur
Wirkung kommt. — Fast fordert man heutzutage
vom Künstler, daß er irgendwie verblüffe
. Das tun Wencks Arbeiten allerdings
nicht. Aber aus jeder einzelnen spricht ein
lebendiger Drang nach plastischer Erkenntnis
. Und selbst da, wo einmal die Lösung
noch nicht restlos gefunden scheint, strömt
aus dem Werke eine bildnerische Ausdruckskraft
, die mehr zu sagen hat als die
Werke jenes scheinbar Fortgeschrittenen.
Die Kunst für Alle XXXI.
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