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Leben", als ein Sein ohne Lärm, als Wesen
in der Ruhe, aber nicht ohne Atem und Herzschlag
. So betrachtet, kann man auch Nißls
feine, zarte Akte, die in starker Verkleinerung
dem Modell gegenüber, indessen ohne zu
Püppchen zu werden, in stillebenhaft ausgestattete
Interieurs gestellt sind, selbst als Stillleben
ansprechen, und so wird man ihnen,
die nicht Probleme der Bewegung oder der
Beseelung tragen, am besten gerecht werden.
Ein Stillebenmaler ist Nißl auch im Hinblick
auf die Stimmung, die über seinem Schaffen
und seinem Werk liegt. Er ist kein heißer
Kämpfer, und auch im Rahmen der Entwicklungsgeschichte
des Münchner Secessionismus
gehört er jener Generation an, die ihre Wege
von der vorausgegangenen Generation, von
denen um Piglhein, Uhde, Keller und Habermann
, schon geebnet fand. Diesem glücklichen
Umstand, der eine Konzentration der Kräfte
des einzelnen ermöglichte, danken Nißls Gemälde
, die mit subtiler Sorgfalt bis zur äußersten
Möglichkeit technischer Vollendung getrieben
sind, ihre Verinnerlichung und ihre
kampfentrückte Klarheit: was nicht unbedingt
abgeklärt und durchsichtig geworden, was nicht
die präziseste Ausformung gefunden, verließ
niemals Nißls Atelier. Von Gemälden Nißls umgeben
zu sein, das ist wie ein Spaziergang
durch ein sanftes, frohes, sonnenvolles Wiesental
, ist ein wohliges Ausruhen und Behagen
im Braus der unsteten Zeit, ist ein Wandern
durch liebe, alte, verträumte Städtchen, ein
Streicheln schöner alter Dinge, die zum
Schmuck des Lebens dienen — ganz ähnlich
ist es, als ob man mit vertrauter Hand über
wohlgeglättetes Kirschbaumholz gut geformter
Biedermeiermöbel führe oder verliebt mit einer
Alt-Nymphenburger Porzellanfigur spielte.
Mit viel Liebe und Entdeckerfreude geht Nißl
den Motiven solcher Stimmungen nach. Er hält
sich gerne in kleinen Städtchen auf und kramt
durch alte Häuser, er findet in der prunkvollen
Abtei von Ottobeuern Motive und in
dem poetischen Städtchen Dinkelsbühl, wo er
mit innigem Behagen den Tändlerladen im
Geburtshaus des biederen Jugenddichters Christoph
von Schmid zum Bilde gestaltet, in
Tittmoning und Trostberg (Abb. S. 206), die
abseits der Heerstraße in der ländlichen Stille
Oberbayerns träumen, und da mag es sich
wohl ereignen, daß er, der geborene Maler
des Innenraums, einmal in den Freiraum
hinaustritt und daß ihm eine bunt bemalte
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