Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 33. Band.1916
Seite: 210
(PDF, 130 MB)
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Mädchen im Prunk ihrer ranken Glieder und
ihrer rosig schimmernden Haut vor reiche
Hintergründe. Diese Modelle sind meist vom
Münchner Typ : brünett, wohlig-biegsam und
von schöner Unbefangenheit in Bewegung
und Haltung - - sie geben der Stille der Wandbehänge
und Teppiche, auf denen in lustiger
Unordnung der farbige Tand ihrer gesellschaftlichen
Hülle sich zum koloristischen Mittelpunkt
gestaltet, den Einschlag des pulsenden
Lebens, aber sie ambitionieren nicht, all das
um sich nur als Folie betrachtet zu wissen,
sondern sie fügen sich nach dem Willen ihres
Meisters in das Ganze ein, sind Teil unter
Teilen, ein Partikel des farbigen Erlebnisses,
das den Ausgangspunkt aller Gemälde Nißls
bildet. Wie blühend und schwellend auch solch
ein Stückchen atmendes junges Menschenleben
gemalt ist, es wird dem Künstler, dessen
Blick sich auf das Ganze, auf das Raumensemble
richtet und dessen künstlerische Andacht
der blauen Schale auf dem Kirschbaumtischchen
nicht weniger gilt als den schlanken

Hüften des zarten Mädchens, nicht zur Hauptsache
, und das gibt allen Gemälden aus Nißls
Hand das Besonnene, Ueberlegte, Ausgeglichene
.

Mehr als bei den zu Stilleben gewordenen
Gruppierungen von Blumen, Hausrat und
Schmuck, bei weißen Stuben mit Mullgardinen,
bei Jägerzimmern, bei Porträts von schönen
alten Oefen und sonstigem Urväterhausrat empfinde
ich bei den Interieur-Akten Nißls seinen
Zusammenhang mit den Meistern des holländischen
Zustandsbildes im 17. Jahrhundert.
Diesen Zusammenhang vermittelte die Tradition
der Münchner Malerei, die immer mehr nach
Holland als nach Italien schaute, wenigstens
dann, wenn sie sich zu Höchstleistungen erhob
und Werke schuf, die Anspruch auf
dauernde Geltung erheben können. Nißl selbst
sagte mir eines Tages, der Delfter Vermeer habe
ihm Höheres zu sagen als Michelangelo, und das
„Lesende Mädchen" in der Dresdener Galerie
sei für die Entwicklung seiner Kunst bedeutungsvoller
gewesen als die Decke der Six-

RUDOLF NISSL

AEGINETE (1903)

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