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MAX SLEVOGT ALS SCHWARZWEISS-KÜNSTLER
Von Karl Voll
enn man eine Sammlung
der Urteile zusammenstellen
wollte,
die über Max Slevogt
im Laufe der wenigen
Jahrzehnte, während
deren ihn die Oeffent-
lichkeit kennt, gefällt
worden sind, so würde
man eine seltsame Pendelbewegung konstatieren
können. Als er gegen das Ende der neunziger
Jahre auf den Ausstellungen der Münchener Se-
cession einigen Erfolg zu erringen begann, reihte
man ihn wegen der feurigen Pracht seiner Farbe
unter die Koloristen und beklagte zugleich
gewöhnlich, daß er nicht „zeichnen" könne.
Ich erinnere mich in dieser Hinsicht besonders
eines Hauptvertreters der älteren Münchner
Graphik, der trotz vieler Vorliebe für Slevogt
diesen angeblichen Mangel an zeichnerischer
Qualität stets mit Bedauern zu konstatieren
versuchte. Als dann Slevogt das für ihn unwirtliche
München mit dem anregenderen Berlin
vertauscht hatte, veröffentlichte er eine kleine
Anzahl von Illustrationswerken, die zum Teil
noch in München entstanden waren. Zunächst
den Ali Baba, dann den Rübezahl, später auch
noch die Mappe von der Ilias. Von nun an
änderte sich das Urteil über ihn. Er wurde
als Illustrator abgestempelt und wohl mancher
kennt ihn noch heute weniger als Maler, denn
als Zeichner. So ist jetzt ab und zu auch
einmal das Urteil zu lesen oder zu hören,
daß er zwar kein reiner Maler sei, aber doch
unter die besten Zeichner der Gegenwart gehöre
. Es hat sich also, wie man sieht, im Laufe
der Jahre das früher über ihn gefällte Urteil
ins Gegenteil verkehrt.
Grund dafür ist wohl die irrtümliche Anschauung
, daß Zeichnen und Malen zwei getrennte
Aeußerungen des künstlerischen Schaffensdranges
seien. Der Fall ist ein unliebsamer
Beweis dafür, daß die Menschen aus
der Geschichte der Kunst so wenig zur Beurteilung
künstlerischer Erscheinungen lernen,
wie unsere Staatsmänner aus der Geschichte
der Staaten für die Beurteilung der politischen
Situation, in der die von ihnen geleiteten Länder
sich befinden. Hier genüge der einzige
Hinweis auf Rembrandt, dessen Schwarzweiß-
Kunst nicht etwa im Gegensatz zu seiner
Tätigkeit als Maler steht, sondern die in der
Problemstellung gleichartige Ergänzung zu seinen
Bildern ist.
Obschon das zweite der erwähnten Urteile
unrichtig ist, könnte man es zur Not begreifen
; aber das erste, das Slevogt nur als
Maler gelten ließ, scheint mir in jeder Hinsicht
unverständlich zu sein; denn er war von
jeher als ein unermüdlicher Zeichner bekannt,
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