http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_33_1916/0276
bißchen einseitig nur die Aufeinanderfolge der
sogenannten malerischen Probleme berücksichtigt
hat.
Slevogt hat sich in den neunziger Jahren
im wesentlichen auf malerischem Gebiet ergangen
, denn auch er war in Böcklins Fahrwasser
geraten und gerade seine frühen Gemälde
, die so ausschließlich realistisch zu sein
scheinen, daß man gegen ihn deswegen den Vorwurf
der Brutalität und der Mätzchenmacherei
erhob, lassen deutlich erkennen, welch inhaltreiche
Art der Illustration er einmal bringen
würde. Den einstweiligen Abschluß der erzählenden
Epoche von Slevogt als Maler bildet
die 1897 entstandene Scheherezade, über
die er mir damals nicht ohne leichten Verdruß
sagte, daß er bekümmert sei, schon wieder
ein erzählendes Thema für ein Bild gewählt
zu haben. Er gehorchte also wohl einem
inneren Zwang und so ist es kein Zufall, daß
bald nach der Scheherezade und im engsten
geistigen Zusammenhang mit ihr eine große
Folge von höchst vortrefflichen Aquarellen aus
demselben Kreis entstand. Sie behandeln jene
berühmte Geschichte aus 1001 Nacht, die in den
meisten alten orientalischenOriginalredaktionen
fehlt und die erst im 18. Jahrhundert durch
Galland in die französische Ausgabe des berühmten
Märchenbuchs aufgenommen wurde:
ich meine Ali Baba und die 40 Räuber. Die
Aquarelle zu Ali Baba, ohne weitere Ambitionen
entstanden, waren doch bestimmt, Sle-
vogts erstes illustriertes Buch zu werden. Als
er nach Berlin übergesiedelt war, und sich
der Berücksichtigung durch das ihm nicht gewogene
Münchner Kultusministerium entzogen
hatte, erschien in dem damals noch vereinigten
Verlag Bruno und Paul Cassirer Ali Baba
in Buchform mit leider nicht recht gut gelungenen
Reproduktionen dieser Aquarelle und
einer Anzahl von Federzeichnungen. So wenig
man eine von Dürer illustrierte Ausgabe
des Neuen Testaments erhalten würde, wenn
man alle Zeichnungen, Kupferstiche und Holzschnitte
zusammenstellen wollte, die Dürer
aus dem Neuen Testamente gezogen hat, so
wenig ist Slevogts Ali Baba eine illustrierte
Ausgabe dieses Märchens, wenigstens nicht in
dem Sinne der heutigen Illustrationstechnik;
denn seine Zeichnungen sind nicht in der Absicht
geschaffen, ein Buch zu geben. Aber im
ursprünglichen Sinne des Wortes sind diese
Entwürfe doch Illustrationen; denn sie beleuchten
den Text dermaßen, daß er in Slevogts
Bildern in einem zwar neuen, aber doch vom
Wortlaut der Erzählung gebotenen Lichte erscheint
. Diese Verbindung von Neuheit der
Auffassung und Wörtlichkeit der Uebersetzung
in die Sprache der modernen Graphik, im besondern
in die Slevogt eigentümliche Ausdrucksweise
ist ein uns jetzt nicht mehr entbehrliches
Verdienst, das wir immer wieder bei
Slevogts Büchern finden. Er ist ein ungemein
aufmerksamer Leser, der allen Windungen
und Biegungen des Textes ebenso genau
folgt, wie er als Farbenkünstler jede Schwankung
und Nuance der Beleuchtung verfolgt.
Da er aber als Mensch von einem ebenso wohltuenden
, warmen Humor und von unversieg-
lichem Esprit ist (es geht leider auch in unseren
Kriegszeiten nicht an, dieses französische Wort
bei ihm zu vermeiden), so hält er sich von
jeder ängstlichen Pedanterie fern, und läßt das
Ganze sich in aller Schalkhaftigkeit des Märchentones
vor uns neu gestalten, wie das auch
dem etwas humoristisch angehauchten Stil dieses
Märchens entspricht, das sich nach orientalischer
Art darin gefällt, die Künste eines
mit Lust geführten Kleinkrieges im Privatleben
zu feiern.
Slevogt hat als Künstler eine große Vorliebe
dafür, den jeweils gewählten Stoff, und
wenn es eine stumme Landschaft ist, mit aller
nur erreichbaren Kraft in das Prachtvolle
hinaufzusteigern; diese Steigerung wird bei
der Illustration ein Aufschäumen des keinen
Widerstand erlaubenden Temperamentes und
sie ist vielleicht das wichtigste Charakteristikum
seiner Zeichnungen zu Ali Baba, von
denen bei ihrem Erscheinen gesagt wurde,
daß sie an Einfachheit und höchst nachdrücklicher
Kraft an Rembrandts Zeichnungen erinnern
, eine Behauptung, die richtig ist, wenn
sie nur die künstlerischen Vorzüge konstatieren
will, die aber unrichtig wäre, wenn sie
die Meinung erwecken wollte, daß Slevogt sich
zum Nachahmer des alten Holländers hergegeben
hätte; denn so eifersüchtig wie Slevogt
wacht kaum ein anderer der heutigen Deutschen
auf seine Selbständigkeit und darauf, daß
er nichts schafft, was nicht den künstlerischen
Wünschen unserer Zeit entspricht.
Wir haben eben gesagt, daß Slevogt ein
höchst aufmerksamer Leser ist: wir dürfen
dazufügen, daß man einen guten Leser daran
erkennt, daß er noch als Mann die Geschichten
zu lesen versteht, die durch eine Gunst
des Geschickes gemeinhin den Kindern vorbehalten
zu werden pflegen. Slevogt ist ein
eifriger Märchenleser. So war es kein Zufall,
daß dem Ali Baba der Rübezahl folgte, der in
erster Auflage 1908 bei Bruno Cassirer erschien
und der vor kurzem in zweiter Auflage
herausgekommen ist. Auch dieses Werk Slevogts
ist ausgezeichnet durch den oben erwähnten
bald sonnigen, bald wilden Humor,
228
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_33_1916/0276