Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 33. Band.1916
Seite: 237
(PDF, 130 MB)
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wilhelm
steinhausen

selbstbildnis
(1910)

EIN SIEBZIGJÄHRIGER MALERPOET

Zum 2. Februar 1916

ilhelm Steinhausen ist mit seinem Schaffen
immer außerhalb der Zeitrichtungen gestanden
. Auch die Flut der ästhetischen und menschlichen
Wertungen seiner Kunst, wie sie zu Altersjubiläen
üblich sind, wird kaum etwas daran ändern.
Unsere Tage stehen unter Kunstgestirnen, wie Technik
, Inhaltlosigkeit, Farbenarabeske, Sinnlichkeit,
expressionistische Linienführung, Rhythmik der
Raumaufteilung, dekorative Wirkung u. a. Von
alle dem ist bei Steinhausens Kunst nicht gerade
viel die Rede. Sie ist vielmehr Seele, Poesie,
Schlichtheit, Zurückhaltung, Individualismus, Inwendigkeit
und Zartheit. Deshalb muß sie in der
schellenlauten Welt einsam stehen, wie des Meisters
„Johannes der Täufer" in der Wüste. Mystik und
Innerlichkeit haben nicht die breiten Massen für
sich; aber sie bilden Gemeinden, deren Wesen und
Werte in der Tiefe und Vertiefung liegen.

Steinhausen stammt aus Mitteldeutschland. Sorau
i. d. Lausitz ist sein Geburtsort. Niederdeutschland
und die weite sarmatische Tiefebene berühren
sich dort. Nicht unbegründet sind also die gedämpften
Stimmungen in Steinhausens Kunst. Aber
es hat ihn nach Süddeutschland und an den freundlichen
Main gezogen und dort festgehalten. Rauschende
Wälder, leuchtende Blumenwiesen und goldene
Erntefelder, stille, innerliche Menschen gehen
durch seine Seele. Sonnenglanz und sehnsüchtige

Fernen breiten sich vor seinem „Glück im Winkel."
In Familie, Haus und Garten wurzelt seine Kunst.
„Da draußen, stets betrogen, saust die geschäftige
Welt. Schlag noch einmal die Bogen um mich, du
grünes Zelt", klingt es in seinen Landschaften.

Steinhausen kommt von der Illustration her.
Rembrandt und Richter stehen am Eingangstor, und
die schwärmerische Mystik der Romantiker leitet
ihn. Die „Bibellesezeichen" und „Irmela" erstehen
aus der Maulb ronner Weltabgeschiedenheit. Die „Geschichte
von der Geburt unseres Herrn" und Brentanos
„Chronika" werden gedichtet. Der Sommernachtstraum
, Frau Poesie, Dornröschen und Schneewittchen
werden erlebt und gestaltet.....bis die

Bilder zu Wernigerode, zu Ober-St. Veit und die
Werke des Kaiser-Friedrich-Gymnasiums und der
Lukaskirche ihre ernste Sprache verlauten lassen.

In den weit auseinander liegenden Polen der
schwärmerischen Romantik und der mystisch erfaßten
Heilslehre des Evangeliums liegt die Schwierigkeit
, Steinhausen auf eine kurze Formel zu
bringen. Vielleicht wird dem füllig gewordenen
Werk des siebzigjährigen Meisters zuteil, was den
Bildern und graphischen Blättern des Strebenden
versagt ward: daß man ihre Seele und ihren bedeutungsvollen
Inhalt wertet, nachdem man von den
seelischen und ethischen Werten in der Kunst doch
wieder zu reden wagen darf. j.a.Beringer

Die Kunst für Alle XXXI.

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