Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 33. Band.1916
Seite: 254
(PDF, 130 MB)
Startseite des Bandes
Zugehörige Bände
Varia

  (z. B.: IV, 145, xii)



Lizenz: Public Domain Mark 1.0
Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_33_1916/0308
zu erinnern, unter denen sie gemalt wurden,
sonst verlangt man von einem Kunstwerk leicht
Vorzüge, die in diesem Falle nicht möglich
waren, obgleich sie der Maler in anderen Fällen
an den Tag legte. Ein Deckengemälde ist
an sich schon ein schwierigeres Problem als
ein Bild an der senkrechten Wand. Die große
Ausdehnung der Decke verlangt eine klareEin-
teilung der Gesamtfläche und Maßnahmen, die
Schwere der Deckenebene aufzuheben. Solcher
Maßnahmen sind viele möglich, aber in
unserer Zeit müssen die Gesetze des Deckenbildes
erst wieder neu entdeckt werden. Tiepolo
hat in seinem genialen Deckenbild des Treppenhauses
der Residenz zu Würzburg etwa
das Aeußerste in Auflösung der Deckenwand
zu luftigem Wolkenraum erreicht, in dem Gestalten
wie im wirklichen Himmel schweben,
indessen ringsherum von unten perspektivisch
verkürzt gesehene Gruppen auf dem Gesims
der Saalwände zu wandeln scheinen. Wer kann
heute etwas derartiges unternehmen, ohne zu
scheitern, wenn er sich nicht zur Nachahmung
solcher Bilder alter Meister versteht?

Adolf Münzer hat die Decke in drei Hauptbilder
geteilt: in der Mitte sieht man das große
Oval eines blauen Kranzes, auf dessen Rand
die bläulichen Gestalten der Monate des Jahres
mit ihren Abzeichen schreiten, indem sie
alle auf die Sonne in der Mitte mit den Häuptern
weisen. Die Sonne, ein lächelndes Gesicht
, strahlt in goldigen und dann grünlichen,
dekorativ stilisierten Strahlen aus, als schwebe
sie samt ihren Strahlen in einer hohen Raumschicht
über dem Kranzoval mit den Gestalten
der Monate. Diese wiederum und der Kranz
schweben in einer Raumschicht über den großen
zwei Figurengruppen, deren Füße sich
nach den beiden Schmalseiten der Decke richten
. Die eine Gruppe stellt die Germania dar
auf hohem, aus dem Flusse wachsenden Felsen
, von Rhein und Mosel rechts und links,
von den Flußnixen und Wassermännern unten
begrüßt. Die andere Gruppe stellt den Rhein
dar, der die Phantasie erregt, Poesie und bildende
Kunst zu erwecken, die rechts und links
neben jenen beiden erscheinen, während unten
wieder die Wassergötter den grünschäumenden
Strudel, auf dem der Rhein mit der Phantasie
schwebt, umspielen.

Alle Figuren der seitlichen Deckenteile sind
goldig warm im Ton, die Frauengestalten heller,
die Männer gebräunter, als erwärme sie alle die
strahlende Sonne des Mittelbildes. Auch die
fliegenden Gewänder sind meist goldbräunlich
bis auf einige lichtgrüne. Ein Rosenrot blitzt
auf am Schild der Germania hier, am Helmbusch
der bildendenKunst dort, an den Schwanzflossen
von zwei Nixen; Schwarz am Raben,
der den Zweig mit roten Ebereschen trägt,
schwarz sind zwei Schwanzflossen der Nixen.
Die unterste Raumschicht mit ihren nahen
Gestalten ist also im allgemeinen warm und
goldig gehalten. Nur ihr Hintergrund mit dem
blauen Wasser, den tiefdunklen Himmelsflek-
ken, den lichteren Wolken, die sich in bläuliche
Gestalten und Gesichter verwandeln, ist
in starkem Gegensatz mit kalten Farben gemalt
, die in der mittleren Raumschicht des
ovalen Kranzes mit den Monaten wesentlich
duftiger vorherrschen, bis dann in der obersten
Raumschicht die warmglühende Sonne
erscheint, deren goldige Strahlen aber in kühlerem
Lichtgrün zum Bläulich der etwas rosa
angehauchten Monate überleiten. Das ganze
Bild ist von einem Kranz in Weinlaub umgeben
, dessen leuchtend kaltgrüne Blätter auf
goldbraunen Schatten ruhen.

Mit den Formen, mit den Körpern, Gruppen
und Bewegungen war also hier ein reicher
Farbenorganismus so zu bewältigen, daß alle
Farben zugleich sinnvoll an ihrer Stelle, als
dekorative Musterung der Deckenebene und
als Erzeuger der Illusion von drei übereinander
gelegenen Raumschichten erschienen, in
welche sich die Decke nach oben zu nur eben
soweit auflösen sollte, als es für die Wirkung
der reliefartig gruppierten und plastisch gemalten
Gestalten nötig war. Es ist hier
keine wissenschaftliche Perspektive und Nachahmung
eines wirklichen Himmelsraums angestrebt
, andererseits auch nicht eine bloß
dekorative Musterung der Decke mit Farben,
sondern ein symbolisches Andeuten eines ideellen
Raumes, in dem diese Idealgestalten ihr
vom wirklichen Saalraum geheimnisvoll geschiedenes
Leben sichtbar machen.

Dieses Deckenbild istmitgroßem Geschmack
in die gegebene Architektur eines Saales gedichtet
, dessen Wände durch flache Säulen-
pilaster mit dunkelgoldenen Kapitälen eingeteilt
sind, während die Fenster der Langseite
grünlich verhangen sind, die gegenüberliegende
Wand in eine Galerie sich auflöst und lange
dunkelblaugraue Tische das Bild oben an der
Decke warm und kalt zugleich erglühen lassen.

So ist denn aus der bahnbrechenden Münchner
Malergruppe „Die Scholle" neben den anderen
vortrefflichen Mitgliedern auch Adolf
Münzer seinen eigenen Weg bis zum Schaffen
eines sehr eigenartigen großen Gemäldes
weitergegangen. Er hat die Vorzüge dieser
Gruppe nicht verloren, auf seine schlichte und
solide Art ihrem Kunstwollen Neues hinzugewonnen
und ihr in dem für solche Gesichtseindrücke
der hellen Farben frohen Münchner

254


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_33_1916/0308