http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_33_1916/0380
Indessen hat Helmer mit Ausnahme ganz
allgemeiner Züge, die Zeit und lokale Tradition
bewirkten, mit Leibi so gut wie nichts
zu tun. Er gehört auch schon einer akademischen
Generation nach Leibi an. Helmer
ist ganz selbständig. Der Lindenschmit-
Schule dankt er kaum mehr als das Technische
. Dagegen hat ihn die harte Schule
des Lebens viel gelehrt, hat ihn selbst hart
gemacht. Er mußte viel kopieren, des leidigen
Verdienens wegen, und leider nicht
nur alte Kunstwerke, sondern auch sogenannte
„moderne Meister", deren Bilder
wegen der Anekdote, die sie erzählen, „gesucht
" waren, Kitschsachen, die künstlerisch
weit unter dem standen, was Helmer selbst
konnte, wollte und — nicht malen durfte.
Endlich floh er aufs Land. Die stille, einsame
Landschaft des Dachauer Mooses hatte
ihn gelockt. Olching und Esting bei München
wurden die Stationen seiner malerischen
Entwicklung. Er lebte wie ein Bauer unter
Bauern, zwanglos, und malte, was er wollte.
Es liegt nahe, zu vermuten, er sei im Moos
ganz Landschafter geworden. Das war aber
nicht der Fall. Vielmehr lockten ihn die Stuben
. Verräuchertes Mauerwerk in dämmerigen
Küchen, ursprünglich bunte, aber von
der Patina der Jahrzehnte tonig zusammengestimmte
Schlafstuben in Bauernhäusern,
Ofenecken, Werkstätten, Herrgottswinkel.
Seine Landschaften von einer etwas undisziplinierten
hellen Buntheit malte er erst, als
ihm der Pleinairismus der Uhde- und Her-
terich-Zeit das gute Rezept verdarb: da
wollte er einen Flug mitmachen, der seinem
Wesen nicht entsprach, für den ihm, der zur
Generation der siebziger Jahre gehörte, die
inneren Voraussetzungen fehlten. So ergibt
es sich ganz natürlich, daß Helmers beste,
stärkste Werke unter den in den Jahren 1875
bis 1882 entstandenen zu suchen sind. Trotzdem
verirrte sich auch in sein spätes Werk
und Schaffen manches feine Stück, das von
der starken Kunst Helmers Zeugnis ablegt;
so etwa das blumenbekränzte Mädchen von
1900 und das gleichzeitige Blütenstilleben,
eine Gelegenheitsarbeit, ein Hochzeitsgeschenk
an den Lehrer von Esting.
Die beste Leistung scheint Helmer mit
dem ganz hell und locker gemalten, mit
breiten und weichen Pinselhieben hingesetzten
Knabenkopf von 1882 gelungen zu sein.
Was bei seinen Bildnissen und Studienköpfen
der siebziger Jahre noch fest und gebunden
erscheint, ist hier vergeistigt, in die
Sphäre des Schwebenden, Unwirklichen,
Rein-Malerischen hineingesteigert. In der
„Fassade des Asam-Hauses", in dem „Ate-
lier-Innern", dem Altmünchner Straßenwinkel
mit Brücke und Bäumen grüße ich ähnliche
Höhepunkte von Helmers Kunst, die —
auch außerhalb des Zusammenhangs mit
Leibi — von der Mannigfaltigkeit der Erscheinungen
im Münchner Kunstleben der
siebziger und achtziger Jahre zeugt und
darüber hinaus die Kenntnis einer um ihrer
selbst willen interessanten und liebenswerten
künstlerischen Persönlichkeit vermittelt.
PHILIPP HELMER STILLEBEN (1899)
Mit Genehmigung der Modernen Galerie (H. Thannhauser), Manchen
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