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DAS NEUE WINTERTHURER MUSEUM, ERBAUT VON DEN ARCHITEKTEN RITTMEYER UND FURRER, WINTERTHUR
IM TYMPANON DIE „SÄERIN" VON HERMANN HALLER
DAS NEUE WINTERTHURER MUSEUM
Von STEFAN MARKUS
Die kleine schweizerische Stadt Winter-
thur hat sich ein Museum angeschafft,
mit dem jede Großstadt Ehre einlegen
könnte. Fünf Viertel Millionen hat der
Prachtbau gekostet. Dazu haben einheimische
Kunstfreunde nicht weniger als
750 000 Franken beigesteuert! Die Hauptdonatoren
Dr. Theodor Reinhart (170 000
Franken) und Dr. Imhoof-Blumer (100 000
Franken) verdienen es, auch in Deutschland
genannt zu werden. Dem hochherzigen Eingreifen
des ersteren vor allem ist es zu verdanken
, wenn das Gebäude trotz des Krieges
in seinem ganzen Umfang fertiggestellt
und — nach vierjähriger Vorbereitung und
dreijähriger Bauzeit — am 2. Januar dieses
Jahres der Oeffentlichkeit übergeben werden
konnte. Der Tag gestaltete sich zu einem
Freuden- und Ehrentag der kleinen Industriestadt
, in der trotz und neben den vielen
Fabriken so viel künstlerisches Interesse
sich manifestiert. Ihr Stolz darf um so
größer sein, als das neugeweihte Haus ein
Werk der tüchtigen Winterthurer Architekten
Rittmeyer und Furrer ist, die aus zwei Wettbewerben
als Sieger hervorgegangen sind.
Ihr Projekt hat im Laufe der Zeit, in erster
Linie unter Einwirkung der aus den Professoren
Gull (Zürich) und Moser (Karlsruhe)
und Gabriel von Seidl (München) bestehenden
Expertenkommission, freilich erhebliche
Modifikationen erfahren müssen. „Im mauerumschlossenen
, stillen Künstlerheim Seidls
fiel der letzte Spruch über die Ausgestaltung
unseres Museums", berichtete Baukommissionspräsident
A. Isler in seiner Einweihungsrede
; Seidl, der infolge einer Verschlimmerung
seines Zustandes auf einen
dritten Gang nach Winterthur hatte verzichten
müssen, „wurde während der Sitzung
von einer Ohnmacht befallen; er war
schon mit einem Fuß im Grabe" . . . Oberster
Lehrmeister für alle Beteiligten war
aber Lichtwark. So entstand ein Bau, der
bei allen repräsentativen und rein künstlerischen
Qualitäten in nichts die zeitgemäße
praktische Hauptforderung der Zweckmäßigkeit
außer acht läßt. Alle Errungen-
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