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ANTON GRAFF-SAAL IM NEUEN WINTERTHURER MUSEUM
Schäften neuzeitlicher Museumsarchitektur
und Raumkunst fanden hier ihre wohlkalkulierte
Realisierung. Von der neutralen
Wandbespannung der Ausstellungsräume
und dem bequemen Auswechslungssystem
des Graphischen Kabinettes bis hinauf zur
sogenannten Laternenbelichtung, von der
Anordnung und Gestaltung der Säle bis zur
Placierung der Kunstwerke. Ueber die besonderen
Schwierigkeiten, die sich dabei
aus der Notwendigkeit der Unterbringung
der städtischen wissenschaftlichen Sammlungen
und der Stadtbibliothek im selben
Gebäude — ein ausschließliches Kunsthaus
kann sich Winterthur noch nicht leisten und
hat es auch noch nicht nötig — ergaben,
wollen wir hier nicht reden. Um so weniger,
als sie in einer Weise überwunden worden
sind, die in ihrer selbstverständlichen Ungezwungenheit
einen Gedanken an bestandene
Schwierigkeiten nicht aufkommen läßt
. . . Als Ganzes wie im Detail macht das
Museum, im Gegenteil, einen durchwegs
harmonischen und einheitlichen Eindruck.
Auf eine symmetrische Anlage mußte aus
verschiedenen Gründen verzichtet werden.
Die Hauptfassade erscheint gebrochen. Auch
sind die beiden Flügel in Länge und Einzelheiten
voneinander verschieden. Immerhin
ist der architektonische Charakter so weit
durchgebildet und gewahrt, daß der Eindruck
des Monumentalen sich einstellt. Imposant
ist vor allem das Hauptportal mit
seinen jonischen Säulen, Kapitälen und Giebeln
, in deren Tympanon eine beschwingte
Säerin Hermann Hallers „den Samen des
Schönen und Wahren in die Furchen der
Zeit" aussät. Die Hauptnote des Innern ist
stilvolle Seriosität, Vornehmheit und Harmonie
. Ein prachtvolles, marmornes Treppenhaus
mit malerischen Ausblicken und
Perspektiven verbindet Erdgeschoß mit erstem
Stock, wo die permanenten Sammlungen
und die Leihgaben untergebracht sind,
während der Saal für die temporären Ausstellungen
im Erdgeschoß placiert ist. Massive
Nußbaumtüren verstärken den ernsten
Charakter. Vorbildlich in seiner wohnlichen
Schönheit wirkt das wundervoll ausgestattete
Sitzungszimmer des Kunstvereins.
Unter den fluchtartig angeordneten Ausstellungsräumen
gebührt dem unvergleichlich
schönen Anton Graff-Saal die Palme. „Ein
Kabinett von solcher Geschlossenheit der
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