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waren an den Wänden ausgestellt, und in
Mappen lagen noch viele andere.
Vor Jahren, als Münch auftrat, war der
Eindruck wohl überall so ziemlich derselbe
wie in Berlin. Ich entsinne mich, wie man
verdutzt oder empört vor den grellen Gebilden
seiner Gestaltungsweise stand, wie
vor willkürlich aus dem Zusammenhange gerissenen
Fragmenten. Widerwillig fühlte man
sich zu Respekt gezwungen vor dem starken
Griff, der Spuk und Traum in kalte
Tageshelle gebannt hatte.
Wirkung und Urteil haben sich gewandelt
, obzwar Münch geblieben ist, der er
war. Er hat sich nicht gebeugt, keine Zugeständnisse
gemacht und Nichtbeachtung
und Beschimpfung ebenso stolz und unbeirrt
ertragen wie Ruhm und Verherrlichung.
Damit allein ist schon allerlei zu seinen
Gunsten bewiesen.
Die zuerst und sogleich jubelten, waren
vielleicht nicht klüger oder kunstverständiger
als die Tadler. Widerspruch gegen
die Konvention findet immer Beifall; stets
gibt es Leute, die sich zu den Aggressiven
gesellen. Heut aber wirkt diese Kunst
nicht mehr als etwas Neues mit Reiz und
Herausforderung, und sie wirkt ohne
diesen Reiz und ohne diese Herausforderung.
Konnte man im Anfange zweifeln — ob
genialischer Gestus oder Schöpferkraft —,
so ist Mißtrauen nicht mehr erlaubt, nachdem
das Bestehen und Gedeihen dieser
Kunst durch Jahrzehnte beobachtet werden
konnte. Mit 20 Jahren verwegen zu sein,
ist nicht allzu schwer, und die Verwechslung
physischer Jugendlichkeit mit Genialität
mag vorkommen. Mit 50 Jahren aber den
ungebrochenen Willen bewahrt zu haben,
seinen Ton immer wieder zu treffen, ihn
steigern und abwandeln zu können, unter
wechselnden Himmelsstrichen sich treu zu
bleiben: dies ist schon etwas. Und Münch
ist niemals sein eigener Nachahmer geworden
und hat nicht jenes Schicksal erlebt,
das — typisch so verläuft: eine starke
persönliche Leistung in der Jugend, ein
wenig später der Erfolg, dann Ermatten der
Kraft und das peinliche Bemühen, die erste
Leistung zu wiederholen, endlich bewußtes
Arbeiten und Manier. Vielmehr bietet der
Norweger, wie man sonst über ihn denken
mag, das erhebende Bild einer folgerichtigen
Entwicklung. Seine Ekstasen stammten weder
aus Jugendrausch, noch waren sie zu
Sensation erheuchelt, sie quollen und quellen
als notwendige Aeußerungen aus seiner
Anlage.
Wenn Bürger und Akademiker ihr Befremden
vor Münchs Kunst in die Tadelsworte
„Karikatur" oder „Brutalität" zu
fassen pflegen, schallt dem Meister aus den
Reihen der aufgeklärten Kunstfreunde nicht
selten das Wort „Literatur" entgegen, das
einen Einwand, sogar eine Entlarvung bedeuten
, Grenzüberschreitung und Stilwidrigkeit
anmerken soll. Das fanatisch Trotzige
der nordischen Dichtkunst, ihr verbissener
Radikalismus, der Schleier um Schleier entfernt
, scheint aus Münchs Kunst vernehmbar
zu werden. Begegnungen mit Schriftstellern
und mit Büchern mögen des Meisters Gedankenwelt
und mittelbar seine Gestaltung
bestimmt haben. Aber: Münch hat nie illustriert
. Nur eine Folge von Steindrucken,
die Geschichte von „Alpha und Omega" ist
„geistreich" und ohne Text nicht ganz verständlich
. Zumeist sind einfache und erblickte
Dinge dargestellt, wie der Kopf eines
Bauern, ein krankes Kind, oder ein im
Kuß vereinigtes Menschenpaar. Die Tiere,
Landschaften und Bildnisse sind gewiß nicht
„literarisch".
Freilich wird das Bild von dem Titel nie
ganz gedeckt. Immer klingt ein Unterton
mit. Vieldeutig und gleichnishaft ist alles.
Wie mit einem Zauberstabe tilgt dieser Bildner
die Alltäglichkeit, enthüllt den Seelenkern
und dämonisiert das Geschlecht der
Menschen. Er nähert die Erdengeschöpfe einander
, und aus den erregenden Linien seiner
Bäume, Berge, Wolken und Wellen scheint
die Weltseele zu tönen. Dichterisch mag man
diese Gestaltung nennen, nicht aber literarisch
; sie offenbart sich durchaus in der
Form und bietet keine Bilderrätsel, die der
Verstand aufzulösen hätte.
Ein Blick auf van Gogh und auf die
Jungen, die Expressionisten betitelt werden,
gibt dem Historiker die Möglichkeit, Münchs
Stil entwicklungsgeschichtlich einzuordnen,
womit übrigens wenig erreicht wird. In
der Tat regt sich jetzt gesteigertes Pathos
nebst einer Verachtung der Einzelheiten, sowie
ein Vorwalten und Uebergreifen der Subjektivität
aus allen Winkeln und Ecken. Hier
und dort erscheint Münchs Stil bereits zu
Manier erstarrt, aber nicht in seinen Arbeiten
, sondern in Leistungen anderer.
Die Kunst des Norwegers hat sich entfaltet
, ohne je Druck oder Belastung zu erleiden
, wie sie Aufträge, Wünsche von Liebhabern
, Gönnern und Kunsthändlern mit sich
bringen. Auch für die Zukunft liegt die Gefahr
fern, daß sie erkalten könnte. Das Feuer
der Persönlichkeit lodert noch stark genug.
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