http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_33_1916/0404
Gewaltsam prägt Münchs Empfindung, und
den Dingen, in die sie einströmt, gibt sie zuweilen
ein verletzend wildes und verzerrtes
Ansehen. Den Kunstfreund mag Bedenken
beschleichen, ob nicht der derbe Griff Kostbares
und Zartes zerdrücke. Mit solcher Besorgnis
bin ich oft vor Münchs Kunst getreten
, wurde aber immer wieder überrascht und
beglückt durch den Reichtum und dieMannig-
faltigkeit beobachteter Züge. Die Geschöpfe
Münchs sind wohl brüderlich miteinander
verwandt und einander ähnlich, aber schließlich
nicht in höherem Grad als die Geschöpfe
von Bildnern, die bescheiden, fleißig und
pietätvoll der Natur gegenüberstehen. Seine
Porträts haben jedes sein Maß von Individualität
und kein kleineres als die Bildnisse
der geduldigsten „Realisten".
Jede Porträtierung war dem Meister Begegnung
und Zusammentreffen mit einem
Menschen, ein aufregendes Erlebnis, das
seine Einbildungskraft antrieb. Seine steigernde
und entblößende Gestaltung wurde nie
allgemein, weil das scharf Beobachtete, tief
Gefühlte und heiß Erlebte dem Prägestocke
jedesmal anderes Material entgegenstellte.
Einmal ist das Haar kraus, einmal struppig,
schlaff, milde, trotzig, schlangenhaft, empor-
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