Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 33. Band.1916
Seite: 354
(PDF, 130 MB)
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mit der unsere modernen Generäle betraut
sind, handelt man nach bestem Vermögen,
ohne sich um einen Dritten (die Zivilbevölkerung
) zu kümmern, mit dem einzigen Gedanken
, so sicher als möglich auf die Erreichung
des Zieles loszugehen."

Jener großen Verleumdungsliteratur, all
jenen Wutausbrüchen und Schmähschriften
kann man übrigens wiederum einen Ausspruch
Rodins gegenüberstellen, den der
greise Meister sogar während des Krieges
einem italienischen Journalisten gegenüber
getan hat: „Warum schleudert die Welt den
Bannfluch gegen die Deutschen, welche die
Bauwerke eines früheren Genies mit der
groben Sprache ihrer Geschosse grüßen?
Die Welt müßte doch wissen, daß lange vorher
die Kunst von dem kleinbürgerlichen,
trivialen Geiste des neunzehnten Jahrhunderts
zu Tode getroffen ward! Nichts, gar
nichts wurde geschont. In Brüssel hat der
junge König Albert, um sich als modernen
Menschen und als Gegner jeder Liebe für
das Alte zu zeigen, sogar die altehrwürdigen
Quartiere des siebzehnten Jahrhunderts
niederreißen lassen! Abscheuliches geschah,
lange vor dem Krieg, in Paris, aber auch in
Venedig, in Florenz, in Genua."

Und wie eine Fortsetzung dieser Gedanken
klingt ein Wort Paul Clemens: Hat man
ganz vergessen, daß im Jahre 1849 der französische
General Oudinot Rom beschoß und
den gemeinsamen Vorstellungen der fremden
Konsuln gegenüber erklärte, sein Befehl
ginge allen Rücksichten auf Kunstwerke
und Denkmäler vor? Daß 1870 Nino Bixio
den Plan hatte, den ganzen Vatikan unter
Geschützfeuer zu nehmen? Hat man ganz
vergessen, daß die Engländer 1857 in Delhi
keinen Augenblick zögerten, diese ganze unvergleichlich
geschlossene Welt von alter
Schönheit zu zerstören? Man braucht gar
nicht weiter zurückzugehen und etwa an das
Bombardement zu erinnern, das im Jahre
1695 die Franzosen, die heutigen Alliierten
der Belgier, unter dem Kommando von Vil-
leroy über das unschuldige Brüssel verhängten
, und das bis auf St. Gudule und das Rathaus
die ganze mittelalterliche Stadt zerstörte
. Und soll man daran erinnern, daß
im sechzehnten Jahrhundert gerade die größten
Künstler die ehrwürdigsten Denkmäler
zu Verteidigungsobjekten machten? Daß
Michelangelo die Plattform des Turmes San
Miniato al Monte zu einer Position für die
Artillerie der Florentiner machte? Daß Ben-
venuto Cellini bei dem sacco di Roma von
der Engelsburg aus das Bombardement leitete
? Wir dürfen ruhig feststellen, daß in
unserer Geschichte Zeiten einer so fanatischen
und systematischen Denkmälerzerstörung
wie in den Bilderstürmen Belgiens,
wie in der großen Revolution Frankreichs
nicht verzeichnet sind, und daß ein Name
wie der Melacs, der die Pfalz und das Heidelberger
Schloß verbrannte, nicht unserer
Geschichte angehört.

Aber nicht nur derartige Aussprüche maßgebender
Franzosen charakterisieren, gemessen
an den Verleumdungen während dieses
Krieges, die Heuchelei der Franzosen, sondern
noch offensichtlicher wird diese Heuchelei
durch die Tatsache, daß die Franzosen
und Engländer selbst während dieses
Krieges bis zum 1. Januar 1916 mehr als
35 Kirchen und Kunstdenkmäler in ihrem
eigenen Lande zerschossen haben. Es sind
dies: die Kirchen in Roye, in Servon am
Rand der Argonnen, in Bermericourt bei
Reims, in Brimont, in Oelenberg in den
Ardennen, in Puissieux, in Cernay, in
Chivres, in Charpentry, in Baccarat, in
Hochwalch, in Dixmuiden, in Maisnil, in
Varennes, in Thelus, in Fresnieres, in Warneton
, in Frelinghem, in Leintrey, in Lange-
marck, in Gheluvelt, in Merckem, in Aulers,
in Autreches, in Souplet, in Fromelles u. a.;
das Kloster in Etain; die Grablegung von
Ligier - Richier in der Kirche St. Etienne
in St. Mihiel; das Rathaus in Dixmuiden;
das Kloster in Messines; die Bibliothek in
St. Mihiel.

Diese Namen sprechen deutlicher als viele
Worte und sie werden vielleicht mit der Zeit
so eindringlich reden, daß die Besten in
Frankreich ihr Gehör vom Zeitungsgewäsch
fort und diesen mahnenden, warnenden Stimmen
der Gerechtigkeit zuwenden werden.

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