Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 33. Band.1916
Seite: 387
(PDF, 130 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_33_1916/0455
In freien Phantasieschöpfungen bewältigt
Zwintscher in allmählichem Aufstieg die
kompositionelle Ordnung der Körper: Vom
liegenden „Knaben mit Lilie" zu der „Pietä",
mit der über dem ausgestreckten Leichnam
aufgerichteten Vertikale der Mutter Maria,
zur „Melodie" in der Barmer Ruhmeshalle
(1907),wo derRhythmus der liegendenFrauen-
gestalt, der verschleiert Knieenden und des
geigenden Jünglings, zusammen mit den
prunkenden und doch so wunderbar abgestimmten
Farben eine „Melodie" ist. Holbeins
„Toter Christus" und Klingers „Pietä",
Feuerbach und Tizians „Himmlische und
irdische Liebe" können wohl als Anreger
empfunden werden, doch mit völlig sicherer
Verarbeitung zum eigenen Wesen.

1908 und 1909 entstanden zwei Werke, die
zwischen Porträt und freier Komposition
stehen: „Der Akademiker" in kühner Ueber-
einanderordnung zweier Körper, formal und
koloristisch die Gruppe des Breslauer
Selbstbildnisses krönend, „Gold- und Perlmutter
" im Chemnitzer Museum der flächen-
haft dekorativen Bildnisgruppe nahestehend.

Setzte dieses Werk den Cranachstil durch
das Betonen des Umrißrhythmus fort, so
wurde das große Gemälde „Zwischen
Schmuck und Lied" im Leipziger Museum
dagegen von 1910 mit der schwellenderen
Modellierung der Italiener in kühlleuchtenden
Farben gestaltet. Es leitet im Figurenbild
die neue Periode der letzten Meisterschaft
ein. Eine eigenartige Neugestaltung
des alten Adam- und Eva-Motivs, „Begegnung
" zweier lebensgroßer Akte am Meer,
konstruiert durch das Schneiden der Hori-

O. ZWINTSCHER

zontlinie mit der Augenlinie der Figuren,
schneidet kühn die monumentale Einheit
von Körpern und Raum.

Die großartigste Personifikation des Weltkriegs
Deutschlands wäre wohl in der Monumentalität
der Körperpyramide, der Größe
und dem Reichtum der Linienführung, gepaart
mit innigster Wärme in der Mutterdarstellung
der lebensgroße „Sieger", der
mit zwei Schwertern die deutsche Mutter
umhegt, geworden, wenn das Bild über die
Untermalung hinausgelangt wäre.

Die Zeichnungen Zwintschers, abgesehen
von den seinen Lebensunterhalt seit 1895
bis zu seiner Professur an der Dresdener
Akademie 1903 hauptsächlich bestreitenden
Karikaturzeichnungen für die Meggen-
dorfer Blätter, sind nur sporadisch erhalten,
meist als Erinnerungen an liebe Stätten die
früheren, als Einzelstudien zu Gemälden
die späteren; Bildkompositionen kommen
ganz wenig vor. Sie begleiten als feines
Nebenthema die Entwicklung des Malers.

Ein bewußtes Aufnehmen der durch
den Dreißigjährigen Krieg unterbrochenen
Entwicklung unserer Deutschen Kunst seit
Dürer und Holbein, formal, koloristisch und
inhaltlich (insofern die Werke das verpönte
Recht, geistige Werte zu vermitteln, beanspruchen
), läßt sich als nationales Bestreben
nicht konstatieren, wohl aber als die Tat eines
Einzelnen. Das ist das Werk des mit bewunderungswerter
Unabhängigkeit von allgemeinen
Zeitströmungen ruhig und geschlossen
voranschreitenden Oskar Zwintscher, das
dadurch der deutschen Kunstgeschichte als
starkes Glied unlösbar eingefügt bleibt.

ZEICHNUNG

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