http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_34_1916/0076
wirft Muthesius die Frage auf, ob überhaupt
eine deutsche Form möglich sei und beantwortet
sie damit, daß wir nicht nur in der
Lage sind, eine deutsche Form zu schaffen,
sondern daß wir sie bereits auf den allermeisten
Betätigungsgebieten besitzen; freilich
meist noch in den Anfangsstadien, so daß es
nötig ist, sie weiter zu entwickeln. Auf dem
Gebiet der bildenden Künste, besonders der
Architektur und Raumkunst, wird es vor allem
Pflicht der Auftraggeber sein, die bisherigen
glücklichen Anfänge einer deutschen Form nicht
weiterhin als nichtexistierend zu betrachten.
Was den Begriff der deutschen Form anlangt
, so wünscht Muthesius, ihn nicht mit
ARCH. RUNGE &, SCOTLAND-BREMEN
dem Begriff der „patriotischen Kunst" verwechselt
zu sehen. „Eine deutsche Kunst durch
Anwendung vaterländischer Sinnbilder herbeiführen
zu wollen, wie es tatsächlich in Kriegszeiten
versucht zu werden pflegt, ist eine vollständige
Verkennung. Der bekannte industrielle
Hurrakitsch ist die natürliche Folge." Trotzdem
kann sich die wahre Kunst des völkischen
Elementes nicht entäußern. Denn dieses Element
ist in dem Born, aus dem alles künstlerische
Schaffen fließt, in der Seele des Menschen
, untrennbar enthalten. Zum deutschen
Wesen gehört es, das Charakteristische über
das Normalschöne zu setzen, das Seelischgemütvolle
über das Abgeklärte, das Eigenwillige
über das Verallgemeinerte
. „Aber alle diese Eigenheiten
sind ungewollt. Wollte
man das Nationale herausdestillieren
, um dann eine
nationale Kunst gleichsam in
Reinkultur zu züchten, so
würde man sich an dem gefährlichen
Abgrund bewegen,
der zu den Niederungen der
Pseudokunst führt."
Deutsche Form im guten
Sinne nimmt Muthesius besonders
auf dem Gebiet der
Architektur und des Kunstgewerbes
wahr und zeigt auf,
wie sie dem deutschen Volke
wirtschaftliche und moralische
Frucht bringen muß,
wenn sie mit Zielbewußtsein
durchgesetzt wird. Die deutsche
Form — meint Muthesius
— hätte es in sich, die
Weltform zu werden, wie die
Vorherrschaft der germanischen
Völker auf der Erde
heute besiegelt sei, unter denen
wiederum Deutschland
die Führung habe. Arbeit gäbe
es freilich noch genug zu leisten
, aber es käme nur auf
eine bewußte, geschlossene
Vorwärtspolitik an. „Es gilt
mehr als die Welt zu beherrschen
, mehr als sie zu finanzieren
, sie zu unterrichten,
sie mit Waren und Gütern zu
überschwemmen. Es gilt, ihr
das Gesicht zu geben. Erst das
Volk, das diese Tat vollbringt,
steht wahrhaftan der Spitze der
Welt; und Deutschland muß
dieses Volk werden."
HAUS WINDISCH: EINGANG
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