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max WISLICENUS
LÖWE. WANDBEHANG FÜR DAS RATHAUS ZU LÖWENBERG IN SCHLES.
DER BILDTEPPICH IN DER KUNST DER GEGENWART
Von Prof. Dr. K. Schaefbr
Die Bildwirkerei hat von jeher als eine
Höchstleistung der angewandten Kunst
gegolten. Sie war trotz der unzähligen Hinderungen
, die, in der Technik des Webens liegend
als Beschränkung für jede Art von Formgebung
wirken, der freien Kunst der Malerei
mit ihren großen und starken Möglichkeiten
am nächsten, schien sogar oft wertvoller als
diese durch die Kostbarkeit des Materials und
die mühselige, kunstvolle Sorgfalt der langwierigen
Ausführung auf dem Webstuhl. Der
Bildteppich war dem Mittelalter ebenso unentbehrlich
wie der Renaissance, und dem
Stil des 18. Jahrhunderts diente er erst recht
als willkommenes Mittel, die prunkvollen Säle
und Galerien der Schlösser mit figurenreichen
Tapeten auszustatten, die in den Farbtönen
des Woll- und Seidengewebes noch viel einschmeichelnder
und wohliger zu dem Luxus
dieser Raumkunst und zu der zarten Farbentönung
dieser Stilharmonien passen mußte,
als die aufdringlicheren und anspruchsvolleren
Gemälde mit den gleichen Darstellungen es
gekonnt hätten. Zahllos sind die Arbeiten
der französischen, flämischen und deutschen
Werkstätten, die im 17. und 18. Jahrhundert
für den fürstlichen und für den bürgerlichen
Bedarf solche Bildtapeten herstellten; eine gewohnheitsmäßige
Ueberlieferung hat auch den
unbedeutendsten unter ihnen eine stilvolle
Haltung gegeben, die als Erbteil der einheitlichen
Zeitkultur uns heute charaktervoll und
bedeutend zugleich erscheint.
Das Können, die technische Fertigkeit der
Gobelinweberei ist uns nicht verloren gegangen
. Bei allen großen Ausstellungen paradierten
noch bis 1900 die französischen Manufakturen
mit handwerklich meisterhaft ausgeführten
Bildteppichen von oft riesiger Größe,
von kostbarer und schwieriger Technik, von
reichster Bildwirkung. Aber es fehlte bei
diesen Ansprüchen und Leistungen zweierlei,
was ihnen erst die Daseinsberechtigung hätte
geben müssen. Einmal die wirtschaftliche
Berechtigung: niemand verlangte nach diesen
modernen Bildteppichen. Kein Bedürfnis der
Zeit, ihrer Architekten und Raumkünstler hatte
sie entstehen lassen; sie waren tote Ausstellungswunder
, für die im modernen Leben
kein Platz war und nach denen keine Sehnsucht
bestand. Und zweitens die künstlerische
Berechtigung: alle Ueberlieferung war abgerissen
. Gemälde, alte oder neue, möglichst
wortgetreu in die Maschen des Gewebes zu
übersetzen, schien den Werkstätten das erstrebenswerteste
Ziel und gab ihrem Tun den
einzigen Halt. Verwilderter Naturalismus oder
sklavische Wiederholung alter Vorbilder waren
die ständig wiederkehrenden Eigenschaften
dieser gänzlich stillosen Erzeugnisse. Ganz
natürlich; denn zu dem sehr tüchtigen Handwerk
des Gobelinwebers kam die Kunst eines
Mannes, der, wenn er Maler war, weder Lust
noch Veranlassung dazu gehabt hätte, sich mit
dem Materialstil des Bildteppichs und seiner
Herstellungsweise zu beschäftigen, oder der
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