Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 34. Band.1916
Seite: 95
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_34_1916/0125
REISZBRETT UND BELEUCHTUNGSKÖRPER

Viele Beleuchtungskörper, die von modernen
Künstlern gleichzeitig mit der übrigen
Ausstattung eines Raumes gezeichnet wurden
, tragen den gleichen Fehler. Sie wirken
nüchtern, kalt und stören die sonst vielleicht
vorzügliche Raumstimmung gerade durch ihr
ängstliches Bestreben, sich mit der Formensprache
der Umgebung in absoluten Einklang
zu setzen.

Der unbefangene, mit natürlichen künstlerischen
Instinkten begabte Beobachter empfindet
dieses Bestreben als Nachteil, wenn er sich
auch über den Grund seines Gefühls nicht
klar wird. Und doch ist der Grund recht einfach
. Der Beleuchtungskörper gehört eben nicht
in dem Sinne zur Raumausstattung wie Möbel
und Wandbekleidung. Sein völlig isolierter
Platz berechtigt ihn nicht nur zur freiesten
Abweichung von der Formensprache des Raumes
, sondern verpflichtet ihn geradezu, durch
wohltuende Kontrastwirkung die wohnliche
Stimmung zu steigern. Er wird unbewußt stets
als unabhängiges Gerät empfunden, das als
Ganzes für sich der Beurteilung unterliegt. Der
Architekt wird beim Entwurf immer geneigt
sein, in mehr oder weniger nüchterner Linienberechnung
den Beleuchtungskörper als Detail
der Zimmereinrichtung zu behandeln, als Detail,
das nur in Zusammenwirkung mit dem Ganzen
den beabsichtigten Stimmungsakkord erzeugen
hilft. Tatsächlich wird aber, wie schon
gesagt, dieses Zusammenwirken in ganz anderer
Weise empfunden als das Reißbrett vortäuschen
möchte. Der konstruierte Zusammenhang ist in
Wirklichkeit kaum vorhanden, und der Beleuchtungskörper
erscheint, auf sich selbst angewiesen
, ärmlich und nüchtern. Es entscheiden
Werte in seiner Wirkung, die auf dem Papier
keine Geltung hatten, und die mangelhafte
Fachkenntnis des Künstlers, der über diese
Werte nicht gebot, macht sich unangenehm
bemerkbar. Man kann sich sehr wohl beispielsweise
einen Metallbeschlag vorstellen,
der an sich betrachtet handwerklich nicht einwandfrei
ist und trotzdem in Verbindung mit
dem Möbel die beabsichtigte Wirkung auslöst.
Ein Beleuchtungskörper dagegen, der die Merkmale
mangelhafter Technik verrät, kann durch
die Wechselwirkung mit seiner Umgebung nicht
veredelt werden. Sein exponierter Platz im
Raum verlangt gebieterisch die Ausnützung
aller kunsthandwerklichen Traditionen und bietet
für dilettantische Versuche die allerungünstigste
Gelegenheit. Auch originelle, oder sich so gebärdende
Formgedanken können hier nicht über
Schwächen hinwegtäuschen. Vielleicht für wenige
Augenblicke der Ueberraschung, nachher
wird gerade das konstruiert Originelle zur unerträglichen
Aufdringlichkeit. Denn eben weil
der Beleuchtungskörper so der beständigen
Beachtung ausgesetzt ist und auch im bewohnten
Raum nicht wie Möbel und Wände durch
das zahlreiche Zubehör persönlichen Lebens
in der Wirkung beeinflußt und der Gesamtstimmung
eingepaßt werden kann, verlangt er
von vornherein zurückhaltende Formgebung.
Wenn irgendwo, so ist beim Beleuchtungskörper
eine gewisse Anlehnung an das gesund
Traditionelle und Typenhafte berechtigt. Dafür
zu sorgen, daß diese Eigenschaften nicht
identisch werden mit äußerer und innerer Armseligkeit
, liegt nicht in der Macht des Reißbrettkünstlers
. Nur der Fabrikant, der kunsthandwerkliche
Ueberlieferungen und kultiviertes
Empfinden in sich vereinigt, kann in dieser
Beziehung auf seinem Sondergebiet wirkliche
Fortschritte zur Reife bringen.

Hält man unter diesem Gesichtspunkt in
der modernen Beleuchtungskörperindustrie kritisch
Umschau, so erscheinen die bisher erzielten
Resultate ziemlich kläglich. Es ist verständlich
, daß der einkaufende Bauherr diesem
unreifen Chaos mutlos den Rücken kehrt, um
bei seinem Architekten Rat und Hilfe zu suchen
. Andere geben sogar die Hoffnung auf,
in Deutschland überhaupt zu finden, was ihr
Instinkt vom Beleuchtungskörper verlangt.
Frankreich und England waren die Länder,
die in solchem Fall herangezogen wurden,
nicht ohne jede Berechtigung, denn in beiden
Ländern hat die betreffende Industrie ihre Traditionen
besser zu nutzen verstanden. Und das
Traditionelle ist wie gesagt manchem fein empfindenden
Laien beim Beleuchtungskörper erträglicher
als das Originelle. Der Krieg wird
für absehbare Zeit die Nachbarländer auch auf
diesem Gebiet für deutsches Empfinden unmöglich
machen, aber unsere Industrie wird
aus dieser Tatsache so lange keinen Nutzen
ziehen, wie sie nur den kaufmännischen Nutzen
darin erblickt.

Die Beleuchtungskörperfabriken Deutschlands
werden in der Mehrzahl nach rein kaufmännischen
Gesichtspunkten geleitet. Großer
Umsatz, billige Preise, Export, Konkurrenz
sind wichtiger für die Inhaber als das Streben
nach innerer Gediegenheit und andere ästhetische
Momente, deren Nutzen nicht unmittel-

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