http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_34_1916/0129
RICHARD L. F. SCHULZ-BERLIN
BELEUCHTUNGSKÖRPER
QUALITÄT UND GESCHMACK
ZU DEN BELEUCHTUNGSKÖRPERN VON RICHARD L. F. SCHULZ, BERLIN
Sachlichkeit war vor fünf Jahren das Feldgeschrei
des neuen Kunstgewerbes. Alles,
was sich vor dem Begriff nicht ausweisen
konnte, war Verbrechen, war Laster, war
Barbarei. Ich entsinne mich noch, wie einer
der damaligen Kunstgewerbe-Vielschreiber den
Frauenhut verdammte. Vielleicht lesen die
Theoretiker, die jetzt eine deutsche Mode
machen wollen, die Stelle noch einmal nach:
„Da gibt es Bänder, die nichts binden und
Schließen, die nichts schließen ..." O Greuel,
o Greuel. Es war eine schlimme Sache um
den Hut unserer Damen. Schlimm, sehr
schlimm, bis man verstanden hatte, daß ein
Begriff wie die Sachlichkeit doch nicht allen
Erscheinungen des künstlerischen und gewerblichen
Lebens gerecht werde. Und Worte
blühen und vergehen. Man hat sogar im Verlauf
der merkwürdigen Entwicklung, die das
neudeutsche Kunstgewerbe ja hinter sich gebracht
hat, der Sachlichkeit mehr, viel mehr
als gut, entraten. Dafür ist ein neues Wort
den Zungen geläufig geworden, ein sehr gutes
Wort, denn es heißt: Qualitätsarbeit.
Qualitätsarbeit ist unbedingt eine der Anforderungen
, die an alle menschlichen Betätigungen
gestellt werden sollten. Richtige, gediegene
, nicht zu übertreffende Arbeit, das ist
eine der Voraussetzungen für alles Ausgezeichnete
, was Menschengeist und Menschenhände
hervorbringen können. Mit miliiärischer
Qualitätsarbeit besiegt man eine halbe Welt
voll Feinde, ballistische Qualitätsarbeit a'lein
vermag sich auszuwachsen zum 42-Zentimeter-
Mörser, die Qualitätsarbeit der technischen
Industrie baut Dreadnoughts und Unterseeboote
, konstruiert Flugzeuge, spannt mächtige
Brücken über Flüsse und Täler. Der Faust,
die Rembrandtsche Anatomie oder gotisches
Maßwerk, das alles ist auch Qualitätsarbeit.
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