Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 34. Band.1916
Seite: 159
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HEIMATKUNST UND EINHEITSFORM

AUS EINEM VORTRAGE ÜBER DEN WIEDERAUFBAU KRIEGSZERSTÖRTER ORTSCHAFTEN

VON HERMANN MUTHESIUS

Die neuerliche Zersplitterung unserer
Architektur hatte zu jener Buntheit
und Verworrenheit, zu jener seichten Verflachung
und dilettantischen Oberflächlichkeit
geführt, die dem Bauschaffen des endenden
19. Jahrhunderts im Gegensatz zu allen
früheren Zeiten eigentümlich ist. Schließlich
kam der Zeitpunkt, wo weite Kreise
einsahen, daß auf diesem Wege nicht weitergeschritten
werden dürfe. Allerorten erhob
sich der Ruf, daß unser Land durch Neubauten
verschandelt werde. Denn neben der
planlosen, minderwertigen Architektur des
Tages war noch allerorten die alte Bauweise
der unberührten Ortschaften zu sehen, die sich
durch ihre Geschlossenheit und Einheitlichkeit
, durch ihre schlichte und anspruchslose
Art außerordentlich vorteilhaft von den
neuen Gebäuden abhoben. Aus dem sich
aufdrängenden Vergleich, aus dem Wunsche,
die alte Würde und Ruhe wieder zu erreichen,
wurde die Heimatkunstbewegung geboren.

Unbedingt muß es unser ganzes Bestreben
sein, ähnliche gute Wirkungen, wie sie unsere
alten Ortschaften bieten, auch im heutigen
Bauschaffen wieder herbeizuführen.
Wie dies aber anzustellen sei, darüber gehen
die Meinungen auseinander. Die Sondermaßnahmen
, die die Heimatkunst angewandt
hat, sind häufig verfehlt gewesen. Zunächst
ist die Heimatkunst häufig gewechselt
worden mit der Wiederaufnahme eines früheren
Stiles. Man glaubte, man würde dasselbe
ruhige und geschlossene Ortsbild wie
in den alten Dörfern und Städten erhalten,
wenn man die Formen der dortigen alten
Architektur wieder anwendete. Auf diese
Weise sind Ortsstatute entstanden, die die
Architektur einer ganz bestimmten Zeit vorschreiben
; beispielsweise werden für Hildesheim
die Stilformen bis Anfang des 17. Jahrhunderts
gefordert. Hätte man dabei noch
das Wesen der alten Architektur im Sinne,
das ja jenseits der Stiläußerlichkeiten liegt,
so ließe sich noch darüber reden. Aber
nein, man meinte ganz bestimmte Formen.
Und so zeigen die Neubauten in den Straßen
Hildesheims und vieler anderer „heimatgeschützter
" Orte eine unmittelbare Nachahmung
der vergangenen Stilmerkmale.
Aber mit welcher Art von Nachahmung hat
man sich begnügt! Man ahmte selbstverständlich
das Holzfachwerk nach. Um es
aber billig herzustellen, stellte man dünne
Stile und Riegel in weite Abstände. Natürlich
, denn das dichtgedrängte alte Fachwerk
wäre viel zu teuer gewesen. Der Erfolg
mußte ein kläglicher sein. Auch wo man,
wie an anderen Orten, Steinformen und
Holzschnitzereien nachbildete, stieß die
neue Art hart von der alten ab. Vor allem
aber geboten ja die veränderten Zeitbedürfnisse
weitgehende Abweichungen von
den alten Bauten, es traten andere Stockwerkhöhen
ein, andere Zimmer- und damit
andere Fenstereinteilungen, eine andere Art
der Dachgeschoßausnutzung, wodurch
natürlich das Wesen der neuen Imitationsbauten
den alten Bauwerken gegenüber ganz
grundsätzlich geändert wurde. Die neuen
Heimatkunstbauten stehen denn auch meist
wie Karikaturen neben den alten behäbigen
und gediegenen Originalen. Sie scheinen
ein Maskenkleid zu tragen aus zusammengesuchten
billigen Flicken, das gerade
neben dem echten Zeitkleid der alten
Bauwerke um so peinlicher berührt. Aber
auch wo man genau nachgebildet hat, ist
der Erfolg durchaus zweifelhaft. Auch diese
Bauten stehen noch seelenlos da, sie haben
etwas Unglaubwürdiges, sie atmen einen
falschen Geist.

Wie sind solche Mißerfolge zu erklären?
Sie ergeben sich, weil es für uns ganz unmöglich
ist, in die Haut unserer Urgroßväter
zu kriechen. Wir können immer nur aus
den Bedingungen heraus schaffen, die in uns
selbst liegen, nicht aber aus Bedingungen,
die in anderen Menschen und noch weniger
in einer anderen Zeit gegeben sind. Und,
wenn wir der Sache einmal auf den Grund
gehen: wie kommen wir überhaupt dazu,
uns selbst in dieser Weise verleugnen zu
wollen? Hat je eine andere Zeit etwas Aehn-
liches unternommen? Hat je ein Baumeister
des 18. Jahrhunderts bauen wollen wie man
im 15. Jahrhundert baute? Es ist niemals
der Fall gewesen. Nimmermehr werden wir
die Aufgaben der Zeit zu lösen imstande
sein, wenn wir dafür kein anderes Mittel
aufbringen können, als eine Zeitverneinung.

Aber die Unmöglichkeit der Stilheimatkunst
ergibt sich noch zweifelloser aus anderen
Betrachtungen. Man denke einmal den

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