Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 34. Band.1916
Seite: 160
(PDF, 110 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_34_1916/0200
Fall aus, daß am Schloßplatz in Straßburg
ein Neubau zu errichten sei, für den die geschilderten
heimatkünstlerischen Anschauungen
maßgebend sein sollten. Soll nun der
Neubau in den Formen des Münsters, des
alten Schlosses, oder des Frauenhauses,
oder des Lyzeums gehalten sein? Welches
ist hier die richtige Heimatkunst? Man
sieht, die Stilauffassung der Heimatkunst ist
nicht aufrecht zu erhalten. Sie führt zur
Zeitenverwirrung selbst bei denjenigen, die
das Nachahmen alter Stile in neuer Zeit für
berechtigt halten. Welche schreienden Zeitwidrigkeiten
werden aber unter dem Stichwort
der Heimatkunst heute tatsächlich begangen
? In einem Vororte Berlins ist ein
Bahnhof der elektrischen Hoch- und Untergrundbahn
in der Form eines strohgedeckten
alten Bauernhofes gebaut, wahrscheinlich
weil die Station „Dorf Dahlem" heißt.
Dahlem mag früher einmal strohgedeckte
Dächer gehabt haben. Inzwischen hat die
Feuerversicherung längst für Ersatz dieser
Strohdächer durch Ziegeldächer gesorgt.
Welcher Unsinn, ein so modernes Gebäude,
wie einen Untergrundbahnhof, in die Form
einer Bauernhütte kleiden zu wollen.

Nicht diese Art von Heimatkunst dürfen
wir treiben. Worin besteht im Gegensatz
dazu die wirkliche Heimatkunst? Die Frage
kann leichter beantwortet werden, wenn wir
sie wieder auflösen in die beiden ursprünglichen
Fragen: l.Wie erreichen wir im heutigen
Bauschaffen dieselben günstigen Ergebnisse
, wie sie im alten erzielt wurden?
und 2. wie fügen wir die neuen Bauten so in
das bestehende Alte ein, daß sie dessen harmonische
Gesamterscheinung nicht stören?

Um mit der zweiten Frage zu beginnen,
die ja auch im Falle des Wiederaufbaues der
kriegszerstörten Ortschaften die wichtigere
ist, so muß man sich von Anfang an darüber
klar sein, daß alle heimatkünstlerischen
Vorschriften nicht eigentlich schöpferischer
Natur sein können. Es kann durch
sie nicht bewirkt werden, daß gute Architektur
gemacht wird. Die Heimatkunst kann
nur darüber wachen, daß gewisse unter
allen Umständen störende Maßnahmen nicht
getroffen werden. Die Stilfrage ist daher als
unmittelbare Anweisung zum Gebrauch bestimmter
Formen unter allen Umständen
auszuschalten. Nicht um eine Stilfrage handelt
es sich, sondern um eine künstlerische
Taktfrage. Im übrigen lehrt uns ja die
gesamte alte Kunst, daß auch Bauten aus
verschiedenen Bauzeiten ganz gut nebeneinander
stehen und sogar ein ausgezeichnetes

Städtebild abgeben können. An dem schon
erwähnten Schloßplatz in Straßburg stehen
Gotik, deutsche Renaissance und Barock einträchtig
nebeneinander. Warum sind gerade
wir Heutigen so darauf versessen, solche
Nebeneinanderstellungen nicht mehr zu
dulden? DemVerlangen liegt einTrugschluß
zugrunde. Es sind allerdings dadurch, daß
neue Bauten in eine alte Umgebung gestellt
worden sind, Ungereimtheiten geschaffen
worden. Man hat daraus aber zu Unrecht
geschlossen, daß das Unstimmige von der
Stilverschiedenheit herrühre. In Wahrheit
ist die Ursache nicht stilistischer, sondern
qualitativer Art, mit anderen Worten, die
Entstellungen liegen nicht darin, daß die
neben den alten Bauten stehenden neuen
Bauten ein anderes Zeitkleid tragen, sondern
darin, daß sie schlecht sind. Und
hier treffen wir endlich den Punkt, um den
sich alles dreht. Die alten Bauten waren
fast ausnahmslos gut. Sie waren in aufrichtiger
Gesinnung geschaffen, aus einer
geschlossenen Ueberlieferung heraus. Sie
machten nicht den Anspruch, Aufsehen zu
erregen, ihre Schöpfer hatten wohl überhaupt
nicht einmal die Meinung, daß sie
Kunstwerke in die Welt setzten, sie fühlten
sich als Handwerker. Aber eben dadurch,
daß sie nur die Sache im Auge hatten, und
daß sie, was die Form anbetrifft, eine
feste Ueberzeugung teilten, eben dadurch,
daß sie aus dieser Ueberzeugung heraus
mit einem gewissen natürlichen, unbeirrten
Sinne bauten, dadurch schufen sie gute Architektur
. Demgegenüber liegen die Schäden
des Bauens der letzten fünfzig Jahre in
allerhand untergeschobenen unsachlichen
Rücksichten und nicht zum mindesten in
einer gewissen Ansprucherhebung des heutigen
Bauschaffenden. Jeder Architekt will
aufsehenerregende Werke in die Welt setzen,
sie sollen die Aufmerksamkeit auf sich ziehen
, wie die Gemälde in der Ausstellung
oder wie eine Statue auf einem freien Platze.
Jedes Haus wird deshalb mit den vermeintlichen
Ausweisen der Kunst belastet, vor
allem aber möglichst anders gestaltet als
seine ganze Umgebung. Das Publikum
hat beim Betrachten eines Bauwerkes keine
reine Freude mehr, sondern nur noch die
Vorstellung, wissen zu müssen, in welchem
Stilees errichtetsei. Sagtman einem Wissensdurstigen
, daß an dem oder jenem modernen
Bau ein bestimmter Stil weder erstrebt
noch eingehalten sei, so wird er tieftraurig
und verliert jede Neigung, sich weiter mit
dem Dinge zu beschäftigen.

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