Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 34. Band.1916
Seite: 162
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_34_1916/0202
Wahl der Baustoffe, der Dachdeckung unbedingt
nach der Umgebung bestimmen,
in die der Bau treten soll. Damit aber
erfüllt er alle Forderungen, die die Heimatkunst
im besten Sinne des Wortes überhaupt
stellen kann. Die heimatkünstlerische Frage
ist damit eigentlich restlos gelöst. Zugleich
ist alles, was darüber hinausgeht, nur vom
Uebel. Denn durch ästhetische und stilanweisende
Sondervorschriften können immer
nur Kompromißbauten und schwächliche
Nachahmungen erzeugt werden. Von diesen
aber haben wir nun genug erlebt. Was
uns fehlt, sind vollblütige, aus warmem Empfinden
erzeugte Werke.

Es ist in diesem Zusammenhange nicht
überflüssig, hinzuzufügen, daß die Grundlagen
des Bauens vor allen Dingen und in
erster Linie wirtschaftlicher Art sind. Würden
aber nur diese wirtschaftlichen Grundlagen
stets in erste Reihe gestellt, so würde
unsere Baukunst weit sachlicher, weit natürlicher
und wahrscheinlich auch in der Erscheinung
weit besser sein. Denn es ist das
Eigentümliche, daß bei fortlaufender Durcharbeitung
, bei immer tieferem Eindringen in
die Wesensart eines Baues eine immer größere
Vereinfachung erreicht wird. Diese erweist
sich aber gewöhnlich nicht nur in der
Wirtschaftlichkeit als Vorteil, sondern sogar
in der Form. Hier muß mit aller Entschiedenheit
der in Laienkreisen umgehende Irrtum
berichtigt werden, als bestehe ein Gegensatz
zwischen sogenanntem praktischen
Bauen und sogenanntem schönen Bauen.
Viele sagen, sie wollten nur praktisch bauen,
weil sie billig bauen müßten. Sie halten also
die Schönheit für eine kostspielige Zugabe.
Jeder Architekt weiß aber, daß eher das
Umgekehrte richtig ist. Schönheit ist lediglich
eine Angelegenheit der guten Verhältnisse
und diese pflegen am klarsten hervorzutreten
in der vereinfachten Form. Je
durchgearbeiteter aber ein Entwurf, je reifer
er ist, um so mehr wird er sich dem hohen
Ideal nähern, gleichzeitig einfach, praktisch
und schön zu sein. Das Einfache ist nämlich
stets das Endglied einer langen Entwicklung
, das Verzwickte und dadurch Unpraktische
und Teure ein Anfangszustand.
Hier ergibt sich also die oberste Forderung,
vor allen Dingen sachlich, gründlich und in
höherem Sinne gediegen zu arbeiten. Das
ist das Grundgesetz für jedwede Arbeit des
Baumeisters.

Indessen mischt sich doch in das architektonische
Schaffen noch etwas anderes ein.
Ueber jede Wirklichkeitsforderung hinaus

sind auch in der Baukunst, wie in jeder
menschlichen Kunst, Stimmungswerte vorhanden
, die dem Werke eine ganz besondere
Färbung geben. Beim Bauwerk drücken sie
sich aus in der überkommenen Bauüberlieferung
, sie sind ein Ergebnis der Sitten und
Gewohnheiten der Bevölkerung eines bestimmten
Landstriches, die, abgesehen von
mitgebrachten Rasseneigenschaften, wiederum
durch die geographischen und klimatischen
Verhältnisse bedingt sind. Diese Stimmungswerte
fassen wir in dem Ausdruck
örtliche Bauweise zusammen. Diese ist nicht
durch alle Zeiten dieselbe, sie ändert sich,
wie sich die Geschlechter ändern, aber eine
gewisse Grundstimmung bleibt im großen und
ganzen bestehen. Bewahren wir sie, so werden
wir auch heute noch Werke schaffen, die
sich der örtlichen Bauweise früherer Zeiten
nähern, jedenfalls mit dieser ein einheitliches
Ganze bilden. Bedingung ist nur, daß
die betreffenden Schöpfer dieser Bauten die
örtliche Stimmung mitempfinden, daß sie
aus dem Volksgeist heraus schaffen und
zwar auf eine natürliche, gewissermaßen
unbewußter Weise. Niemand wird dies besser
zu tun vermögen als das Landeskind.
Daraus folgt die Notwendigkeit, die örtlichen
Architekten heranzuziehen und zwar die
wirklich Begabten, die nicht durch fremde
Einflüsse Verbildeten, die den Volksgeist in
sich Tragenden.

Gute Architektur in völkischem Empfinden
, mit Takt eingefügt in das Alte, das ist
die echte Heimatkunst.

Mit einer gewissen Freiheit wird innerhalb
dieser Grenzen bei solchen Aufgaben
gearbeitet werden können, bei denen es sich
viel weniger um Einfügen von Neuem in
eine alte Umgebung handelt, als um neue
Anlagen größeren Umfangs. Aber hier sind,
um Ergebnisse zu erzielen, wie wir sie in
unseren alten Ortschaften bewundern, noch
einige andere Gesichtspunkte zu berücksichtigen
. Was nämlich diesen alten Ortschaften
ihren eigentlichen Reiz verleiht, sind nicht allein
die guten Verhältnisse und die gute Fassung
jedes einzelnen Hauses, es ist auch die
Uebereinstimmung aller zu einer Ortschaft
gehörenden Häuser unter sich. Diese Gleichartigkeit
und Einheitlichkeit ist sogar das
Ausschlaggebende für die Wirkung. Hierüber
sind wir uns erst neuerdings wieder
ganz klar geworden. Ganze Jahrzehnte
haben sich in dem Irrtum bewegt, Abwechselung
sei das Erstrebenswerte in der Architektur
, die Mannigfaltigkeit sei ihr Ziel.
Als dann die Einsicht einsetzte, daß eine

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