Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 34. Band.1916
Seite: 188
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BRUNO HEROUX' ZYKLUS „VAE SOLIS

Totgesagte leben bekanntlich doppelt lange.
Das scheint auch von den radierten Zyklen
zu gelten, von denen viele immer wieder behaupten
, sie seien längst gestorben — oder
aus der Mode, was ja dasselbe ist. Durch
und nach Max Klinger sind sie sehr beliebt
geworden, und jeder Künstler, der etwas auf
sich hielt, versäumte nicht, dieser Generalprobe
auf Phantasie, Geschmack, Geist, Erfindung
und technisches Können sich wenigstens
einmal zu unterziehen. Und heute? Es
ist allerdings richtig, daß Zyklen, die in irgend
einem gedanklichen oder stilistischen Zusammenhang
mit den Folgen Klingers stehen, allmählich
recht selten geworden sind. Aber das
Bedürfnis, einen Ideenkomplex oder eine zusammenhängende
Folge von Gesichten in zyklischer
Form graphisch zu gestalten, ist heute
kaum geringer wie je und wird wohl ebensowenig
jemals ganz verschwinden, als etwa
die Dichter aufhören werden, Szenenfolgen
(Dramen) zu schreiben, oder die Musiker,
einzelne Sätze zu symphonischen Werken aneinanderzureihen
. Man hat es also, theoretisch
sozusagen, mit etwas durchaus Normalem zu
tun, wenn der Leipziger Graphiker Bruno
Heroux es auch einmal unternimmt, einer
Lieblingsidee zyklische Form zu geben. Nicht
ganz alltäglich ist dagegen die Art, wie Heroux
seine Aufgabe gelöst hat. Künstlerisch und
technisch steht er ja dem Kreis, der sich um
Klinger gebildet hat, nicht fern. Aber Heroux
ist hier ebenso wie auf anderen Gebieten,
z. B. dem des Exlibris, das seit vielen Jahren
ein Hauptarbeitsfeld des ungemein fleißigen
Künstlers ist, seinen eigenen Weg unbeirrt
bis zum Ende gegangen. Und so ist in sechsjähriger
, unverdrossener Arbeit etwas zustande
gekommen, das in technischer Beziehung den
Höhepunkt des bisherigen Schaffens des Radierers
Heroux darstellt, durch seinen Gedankengehalt
und die Art seiner graphischen
Formung aber ein leidenschaftliches Bekenntnis
des Menschen und Künstlers geworden ist.

Die Technik, in der die acht Blätter dieser
Folge ausgeführt sind, ist Radierung (Aetzung)
und — bei den Akten — Stichradierung, die
Heroux im Laufe der Jahre mit höchster Virtuosität
zu behandeln gelernt hat. Die Hauptursache
für die unbestreitbare monumentale
Wirkung des ganzen Zyklus wie der meisten
Einzelblätter aber dürfte in der Beschränkung
auf je zwei Akte zu suchen sein. Und die
Kraft des Ausdrucks dieser beiden Körper
erinnert manchmal fast an die Wirkung beseelter
Plastik, deren Wesen ja ebenfalls die

Zusammenfassung und die Zurückführung auf
die letzte und einfachste Formel ist.

Die Grundidee des Zyklus, der sechs figürliche
Blätter zwischen zwei landschaftliche
stellt und damit an den Kreislauf alles Lebens
von der unbestimmten Allgemeinheit (der
Natur) zur Individualität, zur Zweiheit und
wieder zurück zur Natur erinnert, ist die
Entwicklung eines Menschenpaares von der
Gebundenheit und Konvention zur seelischen
Freiheit. Dargestellt (gewissermaßen exemplifiziert
) wird das an dem Geschick zweier
Liebender, die beide lange einsam und sehnsüchtig
, vielleicht sich ahnend, durch die kalte
Steinwüste des Lebens irrten, bis sie an einer
Wegkreuzung staunend und erschauernd sich
fanden. Nun folgen die ersten Stunden reinster
Seligkeit: das Weib zu Füßen des Mannes
und den Klängen lauschend, die er der Geige
entlockt. Trunken vor Glück vertrauen sich
beide dem Licht, aber schon müssen sie bemerken
, wie die Gemeinheit, der Neid, der
Zwang und wie alle die Menschheitsplagen
heißen, von allen Seiten an sie herankriechen.
Dornen umkrallen die zuckenden Herzen der
beiden Einsamen, um ihrer idealen Gesinnung
wegen Ausgestoßenen; mühselig schleppt der
Mann das geliebte Weib auf seinen Armen
durch den endlos scheinenden Sumpf, in dem
alles Häßliche, Niedrige und Platte der Welt
sich gegen sie bläht und sie herabzuziehen
sucht. Aber in einer glücklichen Stunde gewinnen
sie doch als Sieger festen Grund, das
Land der Freiheit. Und dankend opfern sie
im heiligen Hain vor dem Altar der Ewigkeit.

Wenn Einfachheit das sicherste Kennzeichen
des Bedeutenden und Echten ist, dann darf
auch dieser Zyklus Anspruch auf hohe Schätzung
erheben. Er gehört zu den Werken,
die durch gewisse äußere Momente sofort für
sich einnehmen, deren Letztes und Tiefstes
aber sich doch erst dem erschließt, der sich
länger mit ihm beschäftigt. Und liegen auch
die künstlerischen Ideale Heroux' manchmal
ziemlich weit ab von denen der Modernsten, so
wird doch, und vielleicht sogar schon bald, eine
Zeit kommen, die dem Wollen und Können
dieses ernststrebenden und gestaltungsfrohen
Künstlers ganz gerecht zu werden vermag.
Verdient hätte er es jedenfalls, daß man sich
für ihn interessierte, solange er aus dieser
Teilnahme noch ideellen Gewinn für sein
Schaffen zu ziehen vermag. Damit es nicht
auch einmal von ihm heißen muß : Vae solis,
d. h. Wehe denen, die allein geblieben sind !

Richard Braungart

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