http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_34_1916/0397
l. h. jungnickel-wien
rhythmischen Problemen zu erkennen. Namentlich
die drei jüngsten großen Blätter aus dem
bosnischen Milieu, „Die Mädchen aus Sarajevo",
„Der Ziegenfelsen" und das ,,Oestliche Straßenbild
", wollen als erste Angriffe eines neuen
Akzentes, der Bewältigung verschiedener, aber
immer großer Grade der Raumerscheinung
und -bewegung, genommen und geschätzt sein.
Sind einmal diese Versuche zu ihrer klaren,
reduzierten und gesättigten Form gekommen,
dann wird wohl von hier aus der Holzschnittstil
des jungen Meisters wieder einen bestimmenden
Fortschritt erfahren.
Ludwig Heinrich Jungnickel gehört zu den
köstlichen, keimenden Früchten jener Wiener
Kunst, die Zeitkultur ist. Die Gesundheit und
radierung: aus sarajevo
Tragkraft des Stammes verbürgt auch seine
reifende Erfüllung. Nichts tut dieser Art von
Schaffen mehr not, als daß sie in steter Verbindung
mit dem Baume bleibt, dem sie organisch
angehört. Nichts könnte den natürlichen Prozeß
ihrer geraden Entwicklung mehr hemmen
und gefährden als die Unterbrechung dieses
Zusammenhanges. Und so bleibt nur zu wünschen
, daß Oesterreich hier Einem die Möglichkeit
des Bleibens schafft, der dort nach
Wahl und Wesen Heimrecht gewonnen, und
daß man sich eine Kraft nicht entgehen läßt,
die den gleichmütigen Gang ihres Faches
wieder in vor- und aufwärts führende Vollbewegung
bringt.
Max Eisler
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