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ganz er selbst. Und doch : steht man vor seiner
„Trauernden", vor seinem „Jüngling",
vor dem Relief der Grazien, dann verspürt
man den Zusammenhang von Albikers Kunst
mit alter Kunst — aber diese Eindrücke von
alter Kunst und von der Stimmung, aus der sie
kamen, sind von ihm nicht leichthin und oberflächlich
ausgenützt und zu neuen Formen ver-
ÄGYPTISCHE STATUETTE
Aas „Handbuch der Kunstwissenschaften", Verlag der Akademischen
Verlagsgesellschaft, Berlin-Neubabelsberg
dichtet, sondern sie sind durch eine starke,
selbstschöpferische zeitgenössische Persönlichkeit
hindurchgegangen. Ihre neue Ausformung
geschah unter dem Zwang eines höchst
persönlichen Schöpferwillens. Geschah, weil
Albiker berufen ist, ein Glied in der Kette
der Ueberlieferung zu sein, nicht aber etwa
um das Pensum der Vergangenheit nochmals
aufzusagen. Insofern ist sein Zusammenhang
mit den Werken Aegyptens
kein anderer als der Zusammenhang
des Schöpfers der Bamberger Domskulpturen
mit den plastischen Werken
der Antike.
Ist es nicht erstaunlich? Wir haben
es mit den Werken und der künstlerischen
Persönlichkeit eines Zeitgenossen
und Landsmanns zu tun, der
„des Lebensmittags feierliche Zeit"
noch nicht ausgekostet, dem sich das
vierte Jahrzehnt seiner Kunst- und
Erdenpilgerschaft noch nicht zur Fülle
gerundet, und fühlen uns nicht versucht
, ihn in Beziehung zu setzen zu
den Berühmteren und vom Erfolg Geliebteren
unserer Zeit! Wir fragen
nicht nach seinem Lehrer und nicht
nach dem „Woher" seines Wegs, und
es gelüstet uns kaum, seinem Verhältnis
zu Rodin und Maillol nachzuforschen
, ihn mit Hötger und Klinger in
Parallele zu bringen. Nichts von all dem
— sondern wir gehen seinem Verhältnis
zu einer zeitlich weit hinter
uns liegenden, doch künstlerisch nie
abklingenden, unverwelkbaren Welt
nach! Spricht das nicht für seine
Kunst? Ist es nichteine Bekundung
seiner hohen künstlerischen Kultur,
daß er Bildwerke schafft, die sich
nach Geist und innerer Haltung mit
so zwingenden Beweisen jenen ägyptischen
und deutschgotischen Skulpturen
anschließen?
Ich versuche, dies noch präziser zu
fassen. Was verbindet Albiker über
seine Zeitgenossen hinweg mit der
ägyptischen Antike und der deutschen
Gotik? Es ist zweierlei: die Körper
verlieren bei ihm die Fleischlichkeit
ihres Daseins; er lernte sie (um eine
bezeichnende Formel zu gebrauchen)
„aus Bergen bauen". Und: er gab
dem Fundamentalsatz die Ehre: die
Architektur ist die Achse der bildenden
Kunst. Das führte bei seinem
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