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ALICE TROBNER
der prominenteste Vertreter des Museumstyps und
zugleich (was damit verbunden) der größte „Kenner
" eines Spezialgebietes: der altniederländischen
Kunst.
Nun begegnet das Seltsame und doch Natürliche:
der „Kenner" und Bildforscher verwahrt sich in
schneidend bitteren Worten gegen jede Mechanisierung
seiner Tätigkeit und geht so weit, daß er
jenseits von aller Untersuchung der Craquelüren
oder Holzsorten oder auch von Ohr- oder Fingervergleichungen
die erste und letzte Erkenntnis im
Genuß sucht (einer Fähigkeit, die freilich nicht
jedem Kunstforscher zukäme). Auch Morelli hätte,
meint er, niemals seine Attributionen und Absprechungen
vornehmen können, wenn er nicht die
Beziehungen intuitiv erkannt hätte. Die Methode,
die peinliche Untersuchung dient nur als (freilich
wohl notwendige) Bestätigung des genialen Blicks.
Nie aber darf das Genießen dem „Ideal ästhetischer
Wissenschaftlichkeit" geopfert werden.
Auch Max J. Friedländer ist solch ein überragender
Erkennen Und wohl nicht ohne Absicht
verschmäht er es (was vielleicht manche erwarteten
, viele auch bedauern werden), den ganzen
Apparat seiner einzigen Kenntnisse, ohne die auch
die genialste Intuition fruchtlos, vor uns auszubreiten
. Kein Zitat, selten eine Polemik, auch die
Begründung fehlt häufig. So stellt er im Anhang
eine Art Oeuvre-Katalog der behandelten 18 Meister
auf — aber ohne jede nähere Angabe. Seine
Autorität verlangt Glauben. Und doch ist das
TOR IM STIFT NEUBURG
Buch nicht für Laien, denn es setzt in seiner
Knappheit außerordentlich viel voraus, gibt auch
nur ein (sehr dankenswertes) ganz auserwähltes
Illustrationsmaterial meist aus privaten und entlegenen
Sammlungen. Aber die Lektüre wird dadurch
nicht erleichtert, soll es auch nicht.
Ein pädagogisches Buch für den Forscher, wie
es Wölfflins Grundbegriffe in viel absichtlicherem
Sinne für das größere Publikum sind. Freuen wir
uns, daß innerhalb der Kriegsperiode zwei solche
Monumente deutscher Wissenschaft erscheinen.
W. Fr.
Biermann, Georg. Deutsches Barock und
Rokoko. Herausgegeben im Anschluß an die Jahrhundert
-Ausstellung deutscher Kunst in Darmstadt.
2 Bände. Gebd. M 130.—. Leipzig, Verlag der
Weißen Bücher, Erich Ernst Schwabach.
An diesem groß angelegten und unter Aufwand
bedeutender äußerer Mittel in die Erscheinung getretenen
Werk ist nicht mit Unrecht viel gemängelt
und gerügt worden. Man konnte eine Anzahl Irrtümer
in den Daten der Lebensabrisse im zweiten
Band nachweisen, fand, daß in der Einleitung zum
Kapitel Malerei manche unhaltbare Ansicht vertreten
sei und hatte an der Gruppierung des kolossalen
Stoffes allerlei auszusetzen; auch die Anordnung
der Abbildungen im einzelnen, die Art,
wie dabei wenig Bedeutendes hervorgehoben, Wertvolleres
geringfügig behandelt wurde, gab zu lebhaftem
Widerspruch Veranlassung. Indessen ist es
ungerecht und für die kunsthistorische Wissen-
Die Kunst für Alle XXXII.
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