Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 35. Band.1917
Seite: 84
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Hand, sie fließt unbekümmert um Widerstände
aus seiner reichen Empfindung. In der Malerei
aber ist es anders, da gibt es Probleme
für ihn, Vorbilder, die ihn anregen und begeistern
. Man kann fast sagen, daß Orlik als
Maler moderner ist denn als Graphiker.

Orlik hat seinen Gott in Cezanne gefunden.
Den Gedanken und Gestaltungen dieses Meisters
geht er mit gläubigem Ernst und Eifer
nach, ohne sich selbst zu verlieren, was zu
seinem Lobe und zu seinem Glücke gesagt
werden muß. Andererseits ist es auch nicht
bloß ein Mäntelchen, das er seinen Geisteskindern
als modernes Kleid umhängt, kein
Nachahmen von Aeußerlichkeiten und Abson-
derheiten, sondern ein fester Wille, die Grundideen
dieser neuen Darstellungsformen sich
zu eigen zu machen und im Besitze dieser
Erkenntnisse eine Kunst aus Eigenem zu
schaffen. Das erworbene technische Können
wirft er nicht über Bord, um wieder zu werden
wie die Kinder, sondern er erstrebt einen
Ausgleich, ein Zusammenschmelzen von Vorhandenem
und Werdendem. Darum wirken
Orliks Bilder durchaus nicht so brutal als sie
vielleicht erdacht sind. Sie sind glückliche
Vermittler einer neuen Anschauung, die die
Fähigkeit besitzen, Widerstrebende zu überzeugen
und zu bekehren.

Von Orliks Graphik her ist es ja bekannt,
daß die Heimat allein seinem Temperamente
nicht genügt, daß der Künstler, wenn es gilt
Anregungen zu suchen, am liebsten nach Japan
, China und dem Orient geht. Aus diesen
uns fremden Kulturen weiß der Künstler das
Wertvolle und Allgemeingültige herauszuziehen
und es in seiner Art neu zu schaffen. Ein
Bild von prächtigster Wirkung in Farbe und
Form ist das 1912 entstandene Straßenbild
aus Shanghai (Abb. S. 82). Wir spüren den
eigenen Pulsschlag chinesischen Lebens, wir
empfinden die ganz anderen Lebensbedingungen
, die diese Menschen, Trachten, Häuser
uns so unähnlich machen. Und doch ist das
Bild als solches uns nicht fremd, sondern eine
Aeußerung unserer Zeit und unserer Kunst.
Von besonderer Schönheit ist die farbige Stimmung
des Bildes. In die graugrüne Hauswand
, die durch reiche Valeurs ungemein
lebendig dargestellt ist, schlägt die Türe ein
sattes, dunkelrotes Loch. Die großen Schriftzeichen
und die sehr geschickt angeordneten
Figuren machen das Bild räumlich und formal
interessant. Die ,,Chinesenmutter mit ihrem
Kinde" (Abb. S. 88) besitzt trotz ihrer strengen
Durchführung eine versöhnende Anmut
und stille Innerlichkeit. Die Darstellung selbst
sucht in starken Kontrasten, in der Bestimmtheit
der Linienführuug den wesentlichen Inhalt
des Motives zu erschöpfen.

Die Einfachheit und Stärke seiner Ausdrucksmittel
offenbart sich vorzüglich auch in
seinen Zeichnungen. Diese schöne, junge
Japanerin aus der Yoshiwara (Abb. S. 92. Aus
Meister der Zeichnung: Emil Orlik) ist mit
den wenigen Linien und den paar schwarzen
Flecken in der Eleganz ihrer Haltung und
Kleidung aufs treffendste charakterisiert. Von
durchaus monumentalem Gepräge ist die Landschaft
mit den Nilbarken (Abb. S. 94). Bestimmend
für den ganzen Ton dieser Zeichnung
sind die gewaltigen Kurven der beiden
Segelraaen, die eine große, aber durch die
Parallelität beruhigte Aktivität hineinbringen.
Die Mittel sind so sparsam und die Wirkungen
so groß, daß man ein solches Blatt wohl
als eine Meisterzeichnung bewerten darf.

Die „Barken vom Nil" hatten uns bereits
nach Aegypten geführt, welchem Lande Orlik
eine Fülle künstlerischer Erlebnisse verdankt.
Eine andere Folge von Bildern aus Aegypten
ist ja sehr bekannt und berühmt geworden,
das ist die Reihe der Slevogtschen Bilder.
Slevogt hat dieses Land ganz anders gesehen
als alle vorhergehenden Schilderer. Für ihn
ist es reich, bunt, betriebsam, in Luft und
Farbe uns gar nicht so ganz fremdartig. Orlik
dagegen schließt sich der alten Tradition an.
Auch er sieht wie die andern nur das lastende
Blau des dunkelfarbigen Himmels und die niederhaltende
Schwere der heißen Luft (Abb. S/87,
Abend in Medina el Fayum). Bei Slevogt beherrscht
der Mensch und das Tier die Wüste,
bei Orlik frißt die Oede jedes selbständige
Leben auf, Totes und Lebendes, alles gehört
der Wüste (Abb. S. 86, Arabische Landschaft).
Von der reichen Ausbeute, die der Künstler
von dieser Reise heimbrachte, sei hier noch
der „Nubier" (Abb. S. 89) wiedergegeben,
dessen treffliche Zeichnung und Malerei den
Typus dieses Menschenschlages wirksam und
überzeugend zum Ausdruck bringen.

Auf einer Studienreise, wo die Eindrücke
frisch und stark sind, wo es schnell zugreifen
und nicht erst lange nachdenken heißt, wird
sich meistenteils ein Künstler natürlicher und
unabsichtlicher geben. Daheim aber, in der
mit Theorien und Problemen gesättigten Atelierluft
vermischt sich dann Gedankenarbeit
mit der ursprünglichen Gefühlswelt. In diese
Gruppe der „Heimarbeit" gehören so manche
Landschaften und Stilleben des Künstlers. Mit
diesen Worten soll kein Qualitätsurteil gefällt,
sondern eben nur darauf hingewiesen werden,
unter welchen Voraussetzungen und Einflüssen
diese Bilder entstanden sind. Leider konnten

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