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EMIL ORLIK
ARABISCHE LANDSCHAFT (1912)
zurzeit keine Wiedergaben von aufschlußreicheren
Gemälden beschafft werden, als es unsere
beiden Abbildungen S. 83 u. 91 sind. In einem
Blumenstück oder in einem Stilleben sucht
Orlik allen modernen Forderungen gerecht zu
werden. Es handelt sich dabei nicht bloß um
das Gleichgewicht der Farben und die Harmonie
der farbigen Flächen, sondern auch um
die lineare Formulierung des Gegenständlichen
. An den Originalen läßt es sich sehr
wohl verfolgen, wie die dominierenden Farben
bis in die äußersten Bildecken weiterklingen
und durch ihre Korrespondenz das Ganze zusammenhalten
; wie durch lineare Gliederung
rhythmische Bewegtheit in die Formen und
Farbmassen gebracht wird. Bei einem sehr
guten Blumenstück z. B. führten lanzettenartige
Blätter in großen Diagonalen über die Bildfläche
, weitentlegene Formen und Farben bindend
. Die hier in der Abbildung S. 91 wiedergegebene
Landschaft sieht allerdings stark
konstruiert aus und offenbart dadurch besonders
eindringlich die Absichten des reflektierenden
Künstlers. Gesinnungsgenossen werden
ein solches Bild loben, wie es auch tatsächlich
das Haupt der französischen Schule,
Matisse, getan hat.
Neben diesen experimentierenden Arbeiten
stehen dann natürlich wieder Bilder, die ausgereifte
Empfindung und sichere Meisterschaft
aufweisen. Dazu möchte ich die Gruppe der
Hodlerbildnisse rechnen. Reich an Inhalt und
Form, bestrickend in der Farbe, lebendig in
der Darstellung, vereinigen sie alle Vorzüge
der Orlikschen Kunst. Gegen die absichtliche
Einfachheit, oder besser Eintönigkeit der
Landschaft (Abb. S. 91) gehalten, erscheint
dieser Darstellungsreichtum doppelt wirksam
und reizvoll.
Die beigegebene farbige Tafel möchte eine
ungefähre Vorstellung erwecken von den prächtigen
Farbenklängen und den dekorativen Wirkungen
eines Gemäldes von Orlik. Wie eine
Perle ruht der köstliche Menschenleib in dem
ihn umdrängenden, übersinnlich gesteigerten
Farbenrausch. Nichts Unkeusches, nichts Begehrliches
, nur die reinste Künstlerfreude an
der Schönheit der Formen und der Farbe
spricht aus dieser Darstellung.
Emil Orlik ist noch jung, ein Mann in den
besten Jahren, Mitte der Vierziger. Eine solche
Fülle von Arbeit kann selbst der freudigste
Schaffenstrieb nur leisten, wenn das Innere
reich und die Hand leicht ist. Ihm fließen die
Ideen aus übervollem Herzen, immer ernsthaft
künstlerisch, nie geschmacklos oder gar
leichtfertig. Für ein goldenes Geschmeide,
eine Bronzeplakette oder eine Bühnenausstat-
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