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Zählung von seinen eigenen Lehrern in
Niederland und Italien den verarmten deutschen
Künstlern die Quellen der allmächtigen
Barockkunst des Jahrhunderts weisen,
damit das Deutschland der Erschöpfung
nach dem großen Kriege wieder einrücken
konnte in den Zusammenhang der „Weltkunst
" und ein den Altvordern würdiges
Schaffen entfaltete. Sandrarts umfängliches
akademisches Lehrgebäude ist mit Steinen
italienischen, französischen,niederländischen
Ursprungs aufgerichtet. Er ist deutscher
Patriot und möchte unsere Kunst zur alten
Größe erhöhen. Aber er ist vernünftiger
Maler, zeigt auf fremde Vorbilder und eine
Handwerksunterweisung, in der alle bis
dato gedruckte Kunstliteratur, gleichviel welchen
Ursprungs, ihre Spuren ließ. Sein Patriotismus
weiß nichts von Grenzmauern,
innerhalb derer allein der Deutsche aus der
Tiefe seines Gemütes zu bilden vermag.
Zur Kunst, die nun emporwuchs, hat
Winckelmann sich in einem quälenden Gegensatz
gefühlt. Die deutschen Früchte des
italienischen Barock und des französischen
Rokoko verabscheute der Liebhaber der
Alten. Aber undeutsch hat er sie nicht gescholten
. Deutsch war ihm kein Begriff für
Kunst. Von Holbein, in dessen Dresdner
Madonna die Zeit das schönste deutsche
Gemälde bewunderte, meinte Winckelmann:
wenn er die Werke der Alten hätte betrachten
und nachahmen können, so würde er
(wie Dürer) ebenso groß als Raphael, Cor-
reggio und Tizian geworden sein, ja sie vielleicht
übertroffen haben. 1755 erschienen im
Dresden Augusts des Starken Winckelmanns
„Gedanken über die Nachahmung der griechischen
Werke in der Malerei und Bildhauerkunst
". Acht Jahre später, in Rom,
heißt es: „Die Geschichte der Kunst weihe
ich der Kunst und der Zeit und besonders
meinem Freunde, Herrn Anton Raphael
Mengs." Der Begründer der Kunstgeschichte
stellt sie als Lehrmeisterin vor die Kunst
der Zeit, dem überklugen Reichtum, der lauten
Aufgeblasenheit, die er im Barock und
Rokoko sah, die edle Einfalt und stille Größe
gegenüber, die ihm als Gegensatz der Zeitkunst
aus den Werken der Alten entgegenleuchtete
. Er glaubte nicht im besondern den
Deutschen als Apostel des neuen Griechentums
gesandt zu sein. Aber wenn auch unausgesprochen
, gibt doch seiner Lehre
Wärme erst die stolze Überzeugung: die
Deutschen haben vor falschen Göttern gekniet
. Die Alten sind die wahren. Folget
ihnen nach, und je griechenfrommer ihr seid,
um so näher reicht ihr an die Vollkommenheit
. Der deutsche Geist muß, um er selber
zu werden, Erbe der Alten sein.
Winckelmanns Lehre, die Sendung der
deutschen Kunst sei die Nachfolge der Alten,
ist im weiteren erst wirksam geworden, als
Goethe sie aufnahm und in seinem Schaffen
verkörperte. Iphigenie und Tasso lebten, ehe
Schick und Carstens, Schadow und Schinkel
klassizistisch bildeten. Der Klassizismus
war internationale Kunstmacht geworden.
Noch bevor er die Weltherrschaft antrat,
hat der Student Goethe, der im Straßburger
Münster die sinnvolle Verkörperung höchster
Schöpferkraft anstaunte, ihm literarisch
den ersten Stoß gegeben. 1773 in Herders
Geiste entrollt Goethes Prosahymne „Von
deutscher Baukunst" zum ersten Male das
Banner einer eigentlich nationalen deutschen
Kunst. Der schematisierenden und typisierenden
Baukunst nach klassischen Rezepten,
der weichen Leere neuerer Schönheitelei,
wie sie die Malerei der Franzosen verführerisch
darstellte, wird die charakteristische
Kunst als die einzig wahre entgegengestellt.
Der holzgeschnitzteste Dürer ist Fahnenträger
gegen die Puppen- und Weibermaler.
Erwin von Steinbach, der Name, der dem
Hymnus an die Gotik, an den Riesengeist
unserer älteren Brüder als Gefäß dienen
muß. „Eile herbei, daß du schauest sein
herrliches Werk! Macht es dir einen widrigen
Eindruck oder keinen, so gehab dich
wohl und laß einspannen, und so weiter
nach Paris." Goethe erkennt das tiefste Gefühl
von Wahrheit und Schönheit der Verhältnisse
, wirkend aus starker, rauher, deutscher
Seele. Der Genius will auf keinen
fremden Flügeln, und wären es die Flügel
der Morgenröte, emporgehoben und fortgerückt
werden. Keinen fremden! Der Genius
deutscher Kunst, in Erwin und Dürer
erlebt, will aus Eigenem zur Höhe streben.
Dies erste Programm nationaler bildender
Kunst, von einem kunstdilettierenden Literaten
aufgestellt, steht in seinem historischen
Teil bekanntermaßen auf schwankem Boden.
Der Erwin der Geschichte, der nur am Erdgeschoß
und der Rose an der Münsterfassade
geschaffen hat, ist gerade derjenige,
der nach Entwürfen fremder Hand die strenger
französisch orientierte Ausführung
durchsetzte, wofür ihm die Kenntnis der
Nicasiuskirche von Reims und noch mehr
der Liebfrauenkirche von Paris das genaue
Vorbild gab. Und Dürer steht in der theoretischen
Grundlegung seiner Kunst, die ihn
prinzipiell etwa von der „nationalen" deut-
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