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ärmliches Nachahmen und klügelndes Zusammensetzen
das versagende Talent erzwingen
, und kalte, geleckte, charakterlose Werke
sind die Frucht. Die deutsche Kunst war
ein frommer Jüngling in den Ringmauern
einer kleinen Stadt, unter Blutsfreunden
häuslich erzogen; — nun sie älter ist, ist sie
zum allgemeinen Weltmanne geworden, der
mit den kleinstädtischen Sitten zugleich sein
Gefühl und sein eigentümliches Gepräge von
der Seele weggewischt hat."
Mit solchen Sätzen schrieb Wackenroder
die Leitmotive romantischer Kunst. Der
in Nürnberg als historischer Betrachter
die alte deutsche Kunst lebendig erlebte, gab
damit der lebenden Kunst ihren historisierenden
Charakter. Er wurde der Vater einer
von der Internationale bewußt abgekehrten
Malerei. Nicht so die Nazarener, die erst
die präraffaelitische Atmosphäre Italiens
atmen mußten, um christliches Deutschtum
zu entdecken, wohl aber die Runge und
Friedrich, Waldmüller und Schwind, Krüger
und Blechen, Spitzweg und Richter bedeuten
die reinste Inkarnation des Deutschtums
in unserer bildenden Kunst. Nicht die
unmittelbaren Aeußerungen klosterbrudri-
sierender Gesinnung bei jenen nazareni-
schen Malern, vielmehr die selbständig hier
und dort aufschießenden Schößlinge einer
deutschen Malerei, die deutsch ist, ohne das
Deutschtum jederzeit im Munde zu führen,
bekräftigen die Gewißheit romantischer
Ueberzeugung von einer nationalen Kunst.
Den Aelteren unter ihnen hat die napoleonische
Zeit das deutsche Gewissen gesteift,
wie ja denn der Druck der Franzosenzeit
den Gegendruck der nationalen Bewegung
in der Romantik gegen die reine Humanität
des internationalen Klassizismus gewaltsam
hervorgetrieben hat. „Das Beste, was in uns
ist, sehen die Fremden nicht, und das Höchste,
wonach wir uns sehnen, wollen sie nicht" —
so hat Runge ein eigen deutsches Ideal der
Gestaltung gefühlt. Und im Jammer des
Oktober 1806 hat der Deutscheste von
Deutschlands Malern, hat Caspar David
Friedrich zwischen den jagenden Wolken
den Adler gemalt, der mit dem Sturm sich
in das lichtere Blau hineinkämpft: „Er wird
sich schon herausarbeiten der deutsche Geist
aus dem Sturme und aus den Wolken, und
dort sind Bergesgipfel, die feststehen und
Sonne haben." Der seinen Sohn nicht einmal
Französisch lernen lassen wollte, war
Patriot auch mit seiner Landschaftskunst.
(Der Schluß folgt)
EMIL ORLIK
AUSFAHRT (ZEICHNUNG)
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