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GEORG SCHREYÖGG
MÄDCHENBOSTE
feinsinnig charakterisierten Bildnis(Abb. S. 108)
und in den figürlichen Arbeiten „Meditation"
(Abb. S. 106), „Quelle" und „Kriegerfrau" (mit
zwei ausdrucksvollen Kopfstudien Abb. S. 105)
darzustellen. Das Bildnis erweist tiefe Verinner-
lichung; in den Figuren ist das formale Bewegungsproblem
allenthalben gelöst. Zumal
die „Meditation" erscheint in reizvollen Linienfluß
getaucht. Die neue Wandlung der Auffassung
aber ist in der Befreiung von dem
zu erblicken, was Hildebrand allzustreng im
Problem der Form fordert: im Eingehen auf
den „inneren Ausdruck". Dadurch wurde die
frische Stärke der Konzeption erhalten. Die
Bildung der Form ist nicht mehr das alleinige
Ziel. Sie beginnt sich höheren, künstlerischen
Gesichtspunkten unterzuordnen, ohne aber
völlig von dem Gedanken an den „sozialen
Stil" beheirscht zu sein.
NEUE KUNSTLITERATUR
Liebermann, Max. Die Phantasie in der
Malerei. Gebd. M 3.50. Berlin 1916, Bruno Cassirer.
Wer von der spekulativen Grenze her in das
Reich der Kunst getreten ist, weiß, welche Vormachtstellung
der Phantasie im künstlerischen
Schaffen zukommt. Das Beste, was über das Wesen
der Phantasie und ihre Stellung in der bildenden
Kunst bisher gesagt worden ist, hat Ribot in seinem
ernsten Werke „Die Schöpferkraft der Phantasie
" gegeben. Als neuer Beitrag zu diesen kunstpsychologischen
Fragen erscheint soeben Liebermanns
Untersuchung. Wenn ein Mann, der jahrzehntelang
den Pinsel geführt, aus seinen Erfahrungen
heraus sich über die seelischen Elemente
in der Malerei ausspricht, so dürfen seine Ausführungen
ein starkes Interesse für sich beanspruchen.
Und die Gedanken Liebermanns gewinnen an Bedeutung
dadurch, daß er dem Wort Phantasie jenen
generellen Inhalt gibt, den es etwa bei Delacroix
hat. Er versteht unter Phantasie den gesamten
„belebenden Geist des Künstlers". Die ganze Seele
sucht er in dem Bilde. „Nur wenn das Kunstwerk
für den Künstler eine Welt war, wird es auch eine
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