Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 35. Band.1917
Seite: 112
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_35_1917/0136
JOSEPH DAMBERGER

Von Hermann Esswein

Die Lehre von der Unerheblichkeit des
Thematischen, deren pädagogischer Wert
gänzlich außer Frage steht, hat in Wirklichkeit
noch keinen Berufenen und Ueberschau-
enden unter unseren Künstlern von der Hinneigung
zu bestimmten Stoffgebieten abgehalten.
Wo das Gegenständliche nicht zur Erreichung
kunstfremder Nebenzwecke, zur Erzielung literarischer
Pointen mißbraucht wird, da bedeutet
es eben eine bestimmte Sphäre künstlerischer
Lieblingsprobleme, auf die sich zu beschränken
des Malers gutes Recht ist. Die leere
Gestaltenfülle jener Allerweltsmalerei späterer
Tage, die vom Stilleben bis zur verwickelten
figurenreichen Wandkomposition schlechthin
auf jedem Gebiete Meister sein wollte, ohne
auch nur eines einzigen der ersten und einfachsten
Schaffensgesetze Herr zu sein, dürfte
wohl von keinem Einsichtigen jener altmeisterlichen
Gelassenheit vorgezogen werden, die
im engsten Kreise des Thematischen und in
weiser Zurückhaltung gegenüber der lockenden
Mannigfaltigkeit der Motive einen unerhörten
Reichtum an innerer Form, an künstlerischer
, nicht an schildernder Vielfältigkeit
offenbart hat.

Es gab Maler gewisser gegenständlicher Gebiete
der Gegenwart sowohl wie der Vergangenheit
, die, ob sie sich selber nun Genreoder
Historienmaler nannten, im Grunde doch
nur die Illustratoren der von ihnen bevorzugten
Erscheinungenkreise waren, Begabungen,
die alle ethnographischen, psychologischen,
kulturhistorisch oder sonst geschichtlich merkwürdigen
, alle novellistisch anregenden oder
poetisch rührenden Seiten ihres Themas mit
nimmermüder Geschäftigkeit durchspürten und
es dabei vollständig verständnislos oder wohl
gar verdrossen ablehnten, den eigentlichen,
den künstlerischen Möglichkeiten ihres Stoffkreises
auch nur etwas näher zu treten. Das
Genre eines Knaus oder Defregger, ich exemplifiziere
mit Absicht gerade auf diesen Altmeister
des Bauerngenres, hatte für alle seine
weitläufigen Berichte, Erbauungen und Humore,
für die ganze äußere Fülle seiner Szenen, seiner
rein motivlichen Neuwendungen, im Grunde
nur immer wieder die nämliche malerische
Form, die wandellose Anwendung einer zum
Kanon gewordenen Folge akademischer Gestaltungsgrundsätze
.

Wie sich nun seit den Tagen Leibis, des
Realismus, der Freilichtmalerei und des Impressionismus
dieses verhärtete Erdreich auflockerte
unter der Pflugschar einer neuen
Kunstgesinnung mit neuen, eigenwilligen Geschmacksanforderungen
, sei hier am Schaffen
Joseph Dambergers nachgewiesen, dessen
Kunst als Bauernmalerei die Beschränkung auf
ein bestimmtes Gebiet nicht literarisch gegenständlicher
Absichten, sondern künstlerischer
Aufgaben bedeutet, die mit dem Motiv nicht
erzählerisch anregt, lockt und spielt, sondern
sich in ernster Malerarbeit mit künstlerischen
Aufgaben auseinandersetzt, die Genre im Sinne
jenes alten anekdotischen Bildertheaters ebenso
wenig ist wie die Kunst, der wir Leibis in
Köln hängenden Schimmelreiter oder den lesenden
Mohren Trübners im Frankfurter Städel-
institute zu verdanken haben.

Damberger, von Wilhem Diez ausgehend,
kommt allerdings aus einer Genreschule, aber
er gehört zu den wenigen, die sich schon gleich
zu Anfang ihrer Laufbahn aus eigenem Bedürfnis
gerade das aneigneten, was der Meister
selbst nur in störender Vermengung mit illu-
stratorenhaften Eigentümlichkeiten der Komposition
und der Zeichnung zu bieten vermochte:
Ein Tongefühl, das ihn als Urkeim einer reichen
malerischen Entfaltung gegen die Verlockungen
vom Gegenständlichen her schützte.

Neben frühen Proben dieses großzügigen
Erfassens toniger Reize finden wir in der Frühzeit
freilich auch Zeugnisse eines naturalistischen
Zeitgeschmackes, der den akademischen
Kanon lediglich schlichter und wahrer handhabte
, ja der in seiner Feindseligkeit gegen
alle Romantik der Farbe und der Auffassung
weder vor Härten noch vor Nüchternheiten
zurückschreckte. Einem Gruppenbilde wie den
hier gezeigten „Sonntag" wird wohl niemand
die leichte Hand und den flüssigen Pinsel
des späteren Meisters ansehen. Die Pietät
gegen die Einzelheit waltet hier als strenge,
wir sagen heute verkehrte, mißverstandene
Selbstzucht gegenüber dem ausschweifenden,
unruhig nach Sensationen suchenden Maler-
tume, und nicht anders wie der frühere Akademismus
sich die Kunst verdorben durch die
ewigen Rücksichten auf ein fragwürdiges Schönheitsideal
, genau so hemmte sich nun der ihn
ablösende naturalistischeKunstwilledurch seine
Akribie der Wirklichkeitstreue, die wohl mit
den komödiantenhaften Zügen des älteren Genres
gründlich aufräumte, im Grunde aber doch
eher ein allgemeingeistiges Programm erfüllte,

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