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weitem nicht so verschuldet wie die Mehrzahl
seiner Mitstrebenden. Ein verschlossener Einzelgänger
, höchst mißtrauisch gegen alles, was
nicht ganz unmittelbares Erlebnis ist, impulsiv
und grüblerisch zugleich, wenig, dann aber
höchst intensiv arbeitend, dafür aber vom innerlichen
Verarbeiten der Eindrücke unausgesetzt
bewegt, fand der Meister, zumal durch seine
Farbe, das Beste doch in sich selber, wenn
schon wir zur Einordnung seines reifen Schaffens
an Mancherlei, an eine prominente Seite
Leibis, an die Quintessenz der uns von Westen
gekommenen impressionistischen Anregung, ja
über die nach naturalistischem Abirren wieder
aufgenommene Diez'sche Ueberlieferung noch
weiter hinaus an Alt-Holland denken können,
nicht nur hinsichtlich der Ausweitung kleiner
Formate zu einer bedeutenden malerischen Welt,
sondern auch in Hinsicht des feinschmeckerhaften
Verweilens bei intimen Raum- und Farbensensationen
.
Damberger versucht sich im Aufstieg zur
Meisterschaft zunächst an der vereinzelten
Figur, die zum Heile ihrer unbefangenen Wirkung
, der zuweilen drastisch pointierten Geste
doch stets mehr Modell als Motiv bleibt. Erst
später fügt er seine Gestalten zu Dreien und
Vieren in die reichen Verschränkungen der
Umgebung, zwischen lichtdurchronnene Bänke
und Lattengitter und in die Fülle farbiger Tonwerte
wie sie ein Gehölz im Freilicht, eine
Sandgrube unter offenem Himmel darbieten
und kommt so zuweilen nahe an eine Bildform
heran, die auf die individuellen Besonderheiten
ihrer figuralen Elemente keinen Wert
mehr legt und auch den Menschen nicht anders
behandelt, denn als ein stillebenhaftes Stück
ihrer endlosen Farbenmelodie.
Das Werk von 1913, auf das hiermit exemplifiziert
wurde, steht sehr bezeichnender Weise
zwischen den Ruhenden Mädchen von 1915
mit ihrer schnittig-zeichnerischen Stilnote und
einem gänzlich pointenlosen Laubenbilde von
1912, das bei köstlich delikater Behandlung
seiner reichen Oberfläche ganz und gar Geschmack
und Feinheit, gepflegteste Farbenkultur
ist. Damberger, und das unterscheidet
ihn von allen seinen richtungsbefangenen Zeitgenossen
, von den geringeren Mitläufern sowohl
wie von bedeutenden Begabungen, die
sich vom Entwicklungswillen der modernen
Form instinktiv weitertragen lassen, sucht eben
nicht durch eine Reihe von Bildern eine
Synthese, sondern er behandelt jede jeweilige
Intuition synthetisch aus ihren eigenen Anforderungen
heraus. So ist sein persönlicher Stil,
so prickelnd geheimnisvoll, so überzeugend
vorhanden und doch so unfaßbar, wie alles bedeutend
Individuelle, und der Zeitstil, die jeweiligen
Programme, Errungenschaften, Ziele
der durchlebten Kunst- und Geschmacksepochen
bedeuten ihm nicht mehr als Anregungen, zu
Bedenkendes, zu Versuchendes, eigenartig zu
Wendendes, nie aber eine Verpflichtung, nie
einen Befehl.
Ich habe damit vorausgreifend schon mein
Bestes, mein abschließendes Urteil über die
bis zum heutigen Tage lebendige und will es
Gott wohl nie in einem besonderen Popanz
von „Form" erstarrende Entwicklung Damber-
gers gesagt, und ich muß nun von den am weitesten
vorgeschobenen Versuchen, von den Möglichkeiten
dieser Kunst, wieder zurück zu ihrem
Durchschnitt, zu ihren älteren Gegebenheiten,
die nicht durch Anteilnahme an den Kämpfen
der jüngsten Vergangenheit um die neue Bildform
, sondern durch höchst eigenartige persönliche
Wendungen über die impressionistische
Stufe hinausgehoben sind.
Wenn wir von der stark motivlichen Probe von
1911 absehen wollen, bemerken wir, wie klug der
Künstler es vermieden hat, zu seinen Gestalten
die nüchternen Lokalitäten ihrer Naturwirklichkeit
hinzuzubauen. Die Figur und ihre Umgebung
, der aus oft nur arabeskisch angedeuteten
Fragmenten suggestiv auf uns eindringende
Innenraum Dambergers sind die vollkommenste
stets ganz aus dem Geiste eines atmosphärisch-
tonigen Malererlebnisses geborene Einheit, die
uns auch von ferne nicht mehr an jene guck-
kasten- oder bühnenmäßigen Ausschnitte denken
läßt, wie sie ein Gemeingut der älteren
Genrekunst gewesen sind. Diese höchste,
lebendigste Unmittelbarkeit, die das kennzeichnend
Hilflose, Stutzige und Eckige des Modells
mit prickelnder Unbefangenheit unangetastet
läßt, verträgt sich zum Besten nicht nur mit
Dambergers außerordentlich geschmeidiger,
wohlklingender und gepflegter Farbe, sondern
auch mit seinen auf geistvollen Abstraktionen
beruhenden Kompositionseinfällen,durch welche
stets die nüchterne Zufälligkeit der Wirklichkeitserscheinungen
den Gesetzlichkeiten einer
künstlerisch steigernden und ausdeutenden
Imagination unterworfen wird. Wo der realistische
Abmaler einen Ausschnitt heruntermalt
, vor dem man dann „wie wahr", „wie
echt" ausrufen kann, gibt der Maler Damberger
geistig anregende Konfigurationen durch
die Statik seines Aufbaues, der im Unterschied
zu den Bestrebungen der Jüngsten freilich kein
Aufbau rein aus der Raum suggerierenden
Farbe selbst ist. Damberger brauchte lange
sein Schwarz als Tragegerüst seiner aus Knochen
, Fleisch und Haut bestehenden Bilder,
und wenigstens die Mehrzahl der hier gezeig-
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