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selbstgewählte Einsamkeit zurückgezogen
. Seine Kunst hatte,
formal betrachtet, neben den Problemen
der Bildarchitektonik sich
immer entschiedener den Problemen
plastischer Formbildung
zugewandt, und so war es nur
natürlich, daß er vom Radierer
und Maler schließlich zum Plastiker
wurde, und in den letzten
Jahren, der Krankheit Trotz bietend
, mit der ganzen Ausschließlichkeit
seiner Willensnatur an
plastische Entwürfe seine Arbeit
setzte.
Boehles Kunst darf, wie in
unserer Zeit die Kunst kaum
eines anderen, den Anspruch erheben
, in Form und Seele Monumentalkunst
zu sein, und als Monumentalkunst
Volkskunst, d. h.
einer Kunst, die nicht individuelles
Erlebnis dem einzelnen Beschauer
vermittelt, sondern die
typisches Erlebnis in allgemein
gültiger Form allen gibt. Das
Grunderlebnis seiner Kunst ist das Verhältnis
Mensch und Erde, der Mensch, der baumhaft in der
Erde wurzelt, der Mensch, der durch die Arbeit mit
der Erde eins ist. Fern von aller Sentimentalität
und allen Illustrationsabsichten hat er diesem Stoff
immer neue Form gegeben, das Pathos der Arbeit
, den Heroismus der Arbeit monumentalisierend.
Und wenn er dieses schwere, erdgebundene und
doch himmelzugewandte Menschentum in ein fast
zeitloses Rittertum hypostasierte, so lag darin notwendige
Folge seiner Kunstart, kein Zurückgreifen
FRITZ BOEHLE, f 20 OKTOBER
auf alte Kunstform, kein Archaismus
. Sein letztes Blatt, das
er der Oeff entlichkeit übergeben,
ein Denkblatt zum Besten der
Kriegsfürsorge, zeigt den betenden
Ritter zu Pferde, die
Heimat beschützend, hinter deren
Grenzen die Verwüstung
lodert, ein Blatt, ganz heutig und
aus dem Sinne unseres Krieges
geboren.
Boehle war ein großer Unzeitgemäßer
, Romantiker, wenn
man will, indem er der Geistigkeit
unserer Zeit und ihrer
Differenziertheit ein einfaches,
großes und wenn man es so
sagen darf, vorgeistiges Dasein
entgegensetzte. Ob er in
seiner Kunst selbst Entwicklung
gekannt, läßt sich heute
noch nicht sagen, wo all die
Werke seiner letzten Jahre, die
er zurückgehalten, der Oeffent-
lichkeit noch nicht zugänglich
sind, wo namentlich sein plastisches
Werk sich noch nicht übersehen läßt.
Die wenigen Steindrucke und Radierungen der
letzten Jahre, die an die Oeffentlichkeit gelangt
sind, zeigen eine merkwürdige Verstärkung der
Schwere, so als ob die Schwerkraft Urphänomen
dieser Kunst sei, der alles leicht Rhythmische,
aller Tanz, alle Musik fern war. Aber gerade
darin mag die Gewähr liegen, daß die Bilder,
die seine Monumentalkunst gebaut, länger sein
werden als jene leichten Rhythmen, mit deren Zauber
dekorative Kunst für den Augenblick entzückt.
JOSEPH DAMBERGER SONNTAG
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