Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 35. Band.1917
Seite: 141
(PDF, 137 MB)
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struieren. Wo die Erinnerung versagte und
Lücken stehen bleiben mußten, wurde am
nächsten Tage nach den Beobachtungen einer
weiteren Aufführung wieder angefangen. In
mühevoller Arbeit mußte so für die bildhaftmalerische
Ausgestaltung des choreutischen
Erlebnisses Stein für Stein zusammengetragen
werden. Bei der Umständlichkeit der Mittel
und der Langsamkeit der Arbeit mußte von der
Frische und Intensität des ersten Eindruckes
manches verloren gehen. Das prickelnde Leben
, das die Darbietungen der Russen erfüllte
, der hinreißende Schwung ihres Temperaments
konnte nur mit einem beweglicheren
Werkzeug eingefangen werden. So wurde
Oppler nachdrücklich auf die Graphik hingewiesen
. Für die lebensprühenden wechselvollen
Tanzbilder war sie das gegebene Instrument
. Den bitteren Verzicht auf die Farbe
entschädigte sie durch die Möglichkeit, Formen
und Linien um so sicherer zu erhaschen und
die rhythmische Bewegung im ausdrucksvollen,
kraftgespannten Striche zu umreißen. Nun
entstand im Dämmer des Zuschauerraumes —
wenn möglich in der Nähe einer Notlampe —
Zeichnung auf Zeichnung. Bei der äußerst
spärlichen Beleuchtung konnte natürlich nicht

ERNST OPPLER

jeder Strich „sitzen". Der leichte Stift tastete
im Dunkeln und versuchte mit ein paar schnellen
Wischern das Wesentliche zu erfassen. Der
schnelle Wechsel der Bewegungen verlangte
eine Art künstlerischer Stenographie von äußerster
Sparsamkeit und Kürze. Dann und wann
griff der Maler auch zu farbigen Kreiden,
um wenigstens einen schwachen Abglanz des
überströmenden Farbenspiels einzufangen, oder
er versuchte mit einem weißen Stifte auf
dunklem Papier nur die glitzernden Lichter
und silbernen Helligkeiten festzuhalten. Ganze
Stöße von Zeichnungen entstanden, und nur
wer sie durchsah, kann sich einen Begriff von
der Anstrengung machen, die in jeder fertigen
Radierung steckt. Jeder einzelne Pas, jede
Stellung der Tänzer ist genau studiert, mit
feinfühligem Auge ist der Künstler jeder Geste
gefolgt und in unermüdlicher Arbeit — in
ganzen Reihen von Blättern — hat er für jede
besondere Nuance des Tempos, für jede einzelne
Bewegung dieser leichtbeschwingten
Menschen die schlagendste und zugleich harmonischeste
künstlerische Ausformung zu finden
versucht. In dem heißen Streben aus
der Fülle der vorüberhuschenden Erscheinungen
die edelste und reinste Form heraus zu holen,

BILDNIS BUSONI

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