http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_35_1917/0184
WILLY JAECKEL
WANDBILD FÜR H. BAHLSENS KEKSFABRIK, HANNOVER
rot und — nichts mehr. Aber durch die klare
Umgrenzung jeder Erscheinung, durch reiches
Abstufen jedes Tones erreicht er den Eindruck
großer Farbigkeit. Vor allem aber wirkt
die ausdrucksvolle Gebärde, jedes Ausstrecken
eines Armes, ein Abspreizen der Finger ist
auf seinen Ausdruck hin durchgefühlt und
durchgearbeitet, so daß eine ungeheure Sugge-
stivität aus diesen Bildern strömt. Man darf
sie nicht auf ihre Korrektheit hin ansehen,
darf sich nicht an angeblichen Verzeichnungen
stoßen, denn Jaeckel zeigt in jedem Strich,
wie meisterhaft er gerade zeichnen kann, sondern
muß den Eindruck auf sich wirken lassen.
Die Erinnerungen an andere Bilder, an Greco,
Michelangelo oder O. Fries, die einen dabei
befallen, mögen seiner Jugend zugute geschrieben
werden; entscheidend ist, daß ihm in
allen Bildern ein Neues gelungen ist.
Was Jaeckel nämlich von so vielen modernen
Malern unterscheidet, ist — so befremdend
dies zunächst klingen mag — seine Anlehnung
an die Wirklichkeit. Damit soll nicht gesagt
werden, daß die Bilder als solche Ausschnitte
aus der Natur gäben; im Gegenteil, sie schöpfen
ihre beste Kraft aus der Phantasie des
Künstlers. Aber jedes Bild, jeder Teil des
Bildes ist mit der erschauten Wirklichkeit
irgendwie verankert, entstand aus einem eigenen
Erlebnis. Man weiß sehr wohl, daß es
solche Wälder und solche Akte in der Wirklichkeit
nicht gibt, aber nur aus einer intensiven
Versenkung in die umgebende Welt
konnten sie geboren werden, sie stilisieren
keineswegs die Erscheinungen, sondern verhelfen
diesen — wenn man so sagen darf —
zum Ausdruck. An Jaeckels Radierungen kann
man diese Eigenschaft am besten beobachten.
Diese Paare, die irgendwo in die Natur gestellt
sind, sind ja undenkbar als Begebenheiten
, aber die Gebärde etwa, mit der eine
Frau den neben ihr knienden Mann segnet,
ihr geneigter Kopf und die vorgestreckten
Hände, sie atmen soviel wirkliches Leben,
daß man diese Szene - trotz aller Unwahr-
scheinlichkeiten — erleben zu können meint.
Und damit kommen wir zur Wurzel seines
Schaffens überhaupt. Es ist dies eine betäubende
Sinnlichkeit, im allgemeinsten Sinne
des Wortes, die Jaeckel zum Gestalten treibt.
Das Verhältnis des Menschen zur Welt, die
innige Freude an den sichtbaren Dingen, die
Wehmut, die jegliches Tun unbarmherzig begleitet
, die kosmischen Gewalten, als deren
Werkzeug sich der Mensch empfindet, all das
findet in seinem Schaffen einen beredten Erzähler
. Das Leid der Kreatur, die heimlichen
Zufälle, denen sie willenlos preisgegeben ist,
erschüttert ihm tief das Herz, und er sucht
diesen Erregungen Gestalt zu geben. Aus solch
154
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_35_1917/0184