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Abschnitten, wo er von den Wanderungen
durch die Uffizien und den Palazzo Pitti mit
Arnold Böcklin erzählt, mit aller denkbaren
Pedanterie verfahren wäre. Bei den Aussprüchen
über Künstler und Kunstwerke wäre
jede Wendung von Bedeutung gewesen. Das
aber entsprach Fleiners Temperament denn
doch nicht. Belanglos aber ist sein Zeugnis
nicht; als Beispiel, welchen Gesamteindruck
ein junger Verehrer von den Kunstansichten
Böcklins in der Zürcher Zeit und später erhalten
hat, ist es vielmehr höchst bedeutungsvoll.
Es fügt sich auch ohne Zwang in das ein,
was wir bisher wissen und bekräftigt von
neuem, daß Meier-Gräfe sich völlig irrt,
wenn er von Böcklin behauptet: „alles leugnet
„er, was überhaupt zur eigentlichen Malerei
„gehört und das Eigentliche daran scheint
„ihm verächtlich. Mindestens der ganze zweite
„Entwicklungsstrang der Kunst, von dem
„wir bei der Darstellung der Geschichte der
„Einheit sprachen, wird ausgeschieden" usw.
Zum zweiten Entwicklungsstrang nach Meier
gehört auch Rubens. Dieser war, wie man
schon wissen konnte, als Meiers Buch erschien,
für Böcklin der Maler schlechthin, ihn bewunderte
er als Techniker, Künstler und wohl
auch als Menschen. Fleiners Erzählungen
bestätigen dies in jedem wünschbaren Ausmaße
. Aber wir erfahren auch, daß er noch
über andere Niederländer wie van Dyck,
Sustermann, Gherardo dalle Notti (Honthorst)
und selbst Adrian van der Werff Urteile
fällte, die eine Ablehnung schlechthin dieses
„zweiten Entwicklungsstranges" völlig ausschließen
. In anderem Zusammenhange habe
ich darauf hingewiesen, daß er selbst für
Caravaggio noch recht viel übrig hatte.
Mehr im Sinne der Behauptungen, die
Meier-Gräfe aufstellt, könnte man freilich die
Urteile deuten, die Fleiner über einige berühmte
Gemälde von Tizian berichtet, allein
dem stehen auch hier schon Worte der Anerkennung
für andere Schöpfungen des
Meisters gegenüber. Vielleicht war für Böcklin
entscheidend, daß er das, was er bei
Tizian am meisten bewunderte und was ihm
da dauernd kongenial war, bei Rubens in
stärkerem Grade vorfand.
Fleiner bestätigt auch, daß die drastischen
Urteile über Raffael weder seiner vorübergehenden
noch weniger seiner dauernden Ansicht
entsprachen und daß er für Michelangelo eine
zwar kühlere, aber eine sehr große Hochachtung
übrig hatte. Bei Rembrandt und schon bei
Lionardo allerdings bezog sich die Ablehnung,
wie es scheint, auf deren Richtung; auch
hier indessen erstreckte sie sich nicht auf
alles, was diese beiden waren und was sie
geschaffen. Fleiner berichtet, wie er mit
Böcklin vor Verrocchios Taufe Christi stand
und dieser Worte stärkster Bewunderung für
den bekannten Engel fand, den der Schüler
in dieses Werk seines Lehrers hineingemalt
hat. Der ganze Zusammenhang bei Fleiner
selber und der Vergleich mit anderen Aussprüchen
zeigt auch, daß dies Urteil nicht
bloß begreiflich, sondern durchaus glaubwürdig
und eigentlich notwendig war.
Für das aber, was Meier den „ersten Entwicklungsstrang
" nennt, hatte Böcklin eine
fast unbegrenzte und leidenschaftliche Bewunderung
, und es entspricht durchaus den
eigenen Beobachtungen, wenn Fleiner anschaulich
schildert, wie die Liebe zu dem
Alten oft Formen annahm, die den Anwesenden
unbequem und dem Laien geradezu pathologisch
erscheinen mußten. Diese Formen
der Leidenschaft traten auch etwa vor einem
Dürer, Holbein, Pollajuolo und Perugino auf,
nicht bloß, wenn Böcklin vor dem engeren
Kreis seiner Lieblinge stand, wie Grünewald
und Dirk Bouts. Die Liebe wechselte aber;
Künstler und Werke, die Böcklin einst in
sich aufgenommen und verarbeitet hatte, ließ
er später links liegen. Fleiner berichtet, wie
ihm Böcklin dies selber von seinem Verhältnis
zu Boticelli erzählte, und dies erklärt
auch die Widersprüche an sich glaubwürdiger
Berichterstatter. Mir aber scheint, daß
die helle Begeisterung für ein einziges Werk
eines anderen Künstlers weit mehr aussagt,
als gelegentliches Schimpfen und Aburteilen
beim Wein, ja wenn wir hören, daß Böcklin
ein Bild wie Sandro Boticellis Frühling oder
früher einzelne Jugendwerke von Tizian in
sich Monate und Jahre herumgetragen hat, so
bedeutet das meines Erachtens so viel, daß das
andere gar nicht daneben in Betracht kommt.
Fleiners Aufschlüsse sind auch in anderer
Hinsicht wichtig. Ueber Böcklins Abneigung
gegen die Franzosen berichtet er noch weit
mehr als Frey. Nach Fleiner sagt er einem
Schriftsteller, der ihn in Frankreich berühmt
machen will: „Ich wünsche von Franzosen nicht
bewundert zu werden." Auch habe das Jahr
1848 geradezu abschreckende Erinnerungen
für das ganze Leben bei ihm hinterlassen;
wie ein reumütiger verlorener Sohn sei er mit
zerpflückten Hoffnungen und zerbrochenen
Masten nach Basel zurückgekehrt. Daß er
als Künstler auf germanischer und nicht auf
romanischer Seite stand und zwar ganz bewußt
, ist selbstverständlich. Darüber, daß der
Ton, die Vergnügungen, die Ansichten der
oberen Zehntausend in Frankreich, England
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