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CARL MILLES
BÜSTE DES SCHRIFTSTELLERS
GUSTAV STRIDSBERG <S>
Stockholm, Nationalmuseum
einer ungeheuren Arbeitskonzentration verdanken
.
Man vergleiche in dieser Hinsicht das
Riesensitzbild Gustav Wasas, — im Stockholmer
Nordischen Museum — das für farbige
Holzschnitzerei gedacht ist, mit dem Denkmal
für den Physiker Scheele in Bronze und
dem für den Dichter Franzen, dessen kostbarster
Schmuck die Sockelfiguren in schwarzem
ungeschliffenem Granit sind.
Neben diesen umfangreichen Werken steht
aber jetzt schon eine fast unübersehbare Fülle
kleinerer Arbeiten, die alle den in der Plastik
infolge der räumlichen Ausdehnung nicht fortzudenkenden
Zug des Monumentalen enthalten
. Stockholm selbst besitzt dekorative Skulpturen
im Dramatischen Theater, zwei Bärengruppen
im Berzeliuspark, kostbare Proben
einer reichen Reihe von Tierskulpturen, Reliefs
an der Fassade der Enskildabank. Die
Museen Schwedens bewahren u. a. eine Reihe
von Bildnisarbeiten, darunter im Nationalmuseum
die Hermenbüste des Dichters Le-
vertin und als Probe der herrlichen Werke
in schwarzem Granit die des Schriftstellers
Stridsberg, ein unvergeßlich starkes
Werk.
Die Offenbarungskirche in Salts-
jöbaden, dem bekannten Bade bei
Stockholm, hat ihren gesamten
plastischen Schmuck von Milles
empfangen: den Taufbrunnen aus
schwarzem Granit, Engel aus bemaltem
Holz, Legendenreliefs in
Alabaster und vor allem das reiche
Bronzeportal, reliefgeschmückt, —
alle diese Werke geschaffen von
derselben Frömmigkeit, die in den
ersten Zeiten des germanischen
Christentums die Gemüter erfüllte
und die sich darum in der Formensprache
ihnen nähern kann,
ohne zu archaisieren; tiefe Innerlichkeit
erreicht diese Intensität des
Ausdrucks ohne Verzerrung des
Wesentlichen.
Das gesamte Erleben drängt bei
Milles zur Gestaltung in plastischer
Form. Weder Realismus
noch Stilisierung — und wie meisterhaft
beherrscht er beide Mittel
! — treffen das Wesentliche
seiner Gestaltung. Alle Stichworte
und vorgefaßten Anschauungen versagen
, es gilt immer nur allein die
seelische Verarbeitung des Stoffes
bis zur plastischen Ausdrucksform.
Was ihn erregt, sei es beim Studium
der Natur oder beim Genuß von Kunstwerken
, kann nur auf diesem Wege zur neuen
Frucht gedeihen, die dem Beschauer dann wie
aus der Phantasie geboren, dargebracht wird.
Aber es ist jene Phantasie, von der Goethe
meint: wenn durch sie nicht Sachen entstünden
, die für den Verstand ewig problematisch
blieben, so wäre an ihr nicht viel. Was Milles
bietet, sind organisch entstandene Produkte,
deren Elemente sich aus vielen Erfahrungen
zusammengeschlossen haben. Die Plastik ist,
selbst wenn sie so farbig auftritt, wie bei
Milles, eine spröde Kunst, ein jedes neue
Werk fordert neue und gespannte Betrachtung;
daher ist es schon viel gesagt, daß eine seiner
größeren Bronzen, die „Schwingen", in einer
ganzen Anzahl schwedischer Städte öffentlich
aufgestellt worden ist. Gerade ein tief und
ursprünglich empfindender Plastiker wird mit
jedem neuen Werke erst gewisse Widerstände
zu überwinden haben und es hilft ihm beim
großen Publikum wenig, daß er die einzelne
Arbeit liebevoll wie eine Kostbarkeit, wie ein
technisches Juwel behandelt.
In den letzten Jahren hat Milles zwei Haupt-
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