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themenimmer wieder herangezogen: den jugendlichen
weiblichen Akt und die bewegten Wunder
der Wasserwelt. Das Hauptwerk der ersten
Gruppe war die prachtvolle große Bronze der
beiden Tänzerinnen, der Mittelpunkt seiner
Sonderausstellung in Malmö 1914; ihnen hat
sich neuerdings eine Standuhr aus parischem
Marmor mit vier Mädchenfiguren gesellt. Die
Brunnenanlagen und Wasserwesen bilden auch
schon wieder eine ganze Reihe wie damals
die Tierbildnereien. Hier kommt neben der
gestaltenden Phantasie ein geradezu urweltlicher
Humor zutage, der an die unheimlichen
und doch so organisch empfundenen Seemärchen
der nördlichen Küstenbewohner gemahnt.
Doch sind Milles' Schöpfungen selbstverständlich
ohne jeden literarischen Beigeschmack
und ganz selbständige Verkörperungen des
mächtigen Elements. Hier liegt überhaupt ein
wesentliches Kennzeichen
Millesscher
Kunst: sie fühltsich
allem wahrhaft Plastischen
blutsverwandt
und freut
sich, stolz diese
Verwandtschaft zu
bekennen, wie sich
Ingres zu Raffael,
Leibi zu Holbein
bekannten. Er erneuert
die Taten
der Großen für
seine Zeit. In Kopenhagen
, auf der
schwedischen Ausstellung
1916,stand
sein Triton aus smaragdgrüner
Bronze,
der an Bernini erinnerte
. Aber nur
im äußeren Motiv.
Das Wesentliche an
ihm war völlig neu:
von der plastischen
Idee an bis zum
geringsten Detail
des urnordischen
Burschen. Er ist
aus einem großen
Kelch aus poliertem
schwarzem
Granit aufgestiegen
, dessen glänzende
Furchen,vom
Wasser überrieselt,
funkeln undblitzen.
Die Granitgebilde
selbst zeugen von einer großartigen ornamentalen
Schöpferkunst; er hat die Elemente der
Blume, der Muschel, der Vase zu einem
vollkommenen Gebilde von höchster Originalität
entwickelt.
Trotz seiner hohen Kultur ist Milles eine
künstlerische Erscheinung von großer Einfalt,
so daß ihn Köper, sein Biograph, sogar eine
Naturkrafc nennen konnte. Er ringt mit Konsequenz
nach seinem Ziel: für den höchsten
Lebensausdruck die Form zu finden, die dem
Wesentlichen des Organischen genug tut,
und zwar indem es die Qualität des Stoffes
entwickelt. Daher in all seinen Schöpfungen
die Vollendung eines zum Ziel gelangten Ringens
, des Abgeschlossenen nach dem Kampf.
Wäre der Krieg nicht über Europa gekommen,
hätte die nordische Ausstellung von 1914 den
Meister zu einer internationalen Berühmtheit
gemacht. So muß
er noch Geduld haben
und die nordischen
Reiche allein
sind es, die sich
seine Werke sichern
. Aber seine
Zeit wird auch für
uns Deutsche kommen
, denen er sich
so verwandt fühlt
und deren schweren
Kampf er mit
heißer Sympathie
verfolgt.
CARL MILLES
BRUNNENFIGUR (VOM NEBENSTEHEND
ABGEBILDETEN BRUNNEN) *B
Wer die deutsche
Kunst heben will,
muß deshalb zuerst
das deutsche Volkstum
heben; und diese
Hebung des deutschen
Volkscharakters
kann nur in einer
Vertiefung desselben
bestehen; und diese
muß zunächst eine
politische sein. Keine
Frucht ohne Blüte.
Der Rembrandt-
deutsche
Die Malerei stellt
auf, was der Mensch
sehen möchte und
sollte, nicht, was er
gewöhnlich sieht.
Goethe
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