http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_35_1917/0260
j. wenglein
isartal (skizze)
JOSEF WENGLEIN
Von August L. Mayer
Unter dem halben Dutzend Kollektiv-Ausstellungen
, die 1916 die Leitung der
Münchner Künstler-Genossenschaft der großen
Sommerausstellung im Glaspalast angegliedert
hatte, erweckte die Kollektion von älteren
Arbeiten Josef Wengleins ganz besonderes
Interesse. Es gebührt der Ausstellungsleitung
wirklicher Dank dafür; denn Wenglein hat
nicht nur diese Ehrung weit mehr verdient
als verschiedene andere seiner Kollegen, die
in gleicher Weise diesmal im Glaspalast zu
einem großen Publikum reden durften, sondern
bei dem immer mehr wachsenden Interesse
und Verständnis für die Münchner Landschaftsmalerei
des 19. Jahrhunderts war diese
außerordentlich instruktive Wenglein-Ausstellung
von größter Wichtigkeit für den Kunstfreund
wie für den Kunsthistoriker. Die kleine
retrospektive Ausstellung zeigte aufs deutlichste,
daß die beiden ersten Dezennien der künstlerischen
Tätigkeit Wengleins mit der Bezeichnung
„Beste Lier-Schule" in keiner Weise ausreichend
charakterisiert sind. Es sei daher erlaubt
, im folgenden kurz die Eigentümlichkeiten
der Landschaftsmalerei Wengleins darzulegen
und den Zusammenhang seiner Kunst
mit der der Münchner Landschaftsmalerei sowohl
, wie mit der deutschen und französischen
Malerei aus der Zeit von 1870—80 überhaupt
klarzustellen.
Der 1845 zu München geborene Künstler
besuchte bekanntlich nach kurzem Universitätsstudium
die Akademie seiner Vaterstadt
und trat nach vierjährigem Studium bei Joh.
Gottfried Steffan auf dessen Veranlassung
1870 in die Schule Adolf Liers ein, bei dem
er bis 1873 blieb. Es ist nun ganz außerordentlich
interessant zu beobachten, wie der
junge Wenglein aus ziemlich weichlichen Anfängen
heraus, wie man etwa aus den Obermenzinger
Studien von 1^69 und 1870 gut
erkennen kann, zunächst sehr stark in den Bann
Liers gerät, nach wenigen Jahren jedoch durchaus
persönlich wird und nicht nur sich an
Dinge hält, von denen schon sein Lehrer Lier
stark beeindruckt worden war, sondern instinktiv
auf Elemente der älteren Münchner Landschaftsmalerei
zurückgreift und so die heimische
Tradition stärker wahrt, als es ihm
vielleicht selbst bewußt war.
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