http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_35_1917/0294
julius iiother
prophetenkopf
JULIUS HUTHER
Von Dr. Willy Burger
Eine Richtung der modernen Aesthetik und
zwar diejenige, die ihre Waffen zur Sicherung
der Stellung des Impressionismus verwandte
, hat sich besonders für die Gleichgültigkeit
der vom Maler behandelten Stoffe
ausgesprochen. Allein wie so oft war auch
dies eine ästhetische Forderung ad hoc, auf
die Bedürfnisse der Stunde zugeschnitten. Ein
Blick auf die Entwicklung der Kunst genügt,
um zu erkennen, daß das Auftauchen neuer
Stoffgebiete, eine abweichende Behandlung
der altüberkommenen, jedesmal den Beginn
einer neuen Aera in der Kunst charakterisiert.
Jenes oft zitierte Schlagwort von der Madonna
und dem Spargelbund paßte nun durchaus
für den jeder Monumentalmalerei entgegenarbeitenden
Impressionismus, dessen Probleme
auf Darstellung des flüchtigen Moments,
auf Vermeidung der Schilderung jedes Beharrens
gerichtet waren. So ist es keine Laune
unserer jungen Künstler, wenn sie gegenwärtig
der Figur im Bilde eine bevorrechtigte
Stellung einräumen, sondern die geschichtlich
notwendige Reaktion auf die illusionistischen
Tendenzen des Impressionismus, da die menschliche
Figur den Brennpunkt einer jeden monumentalen
Gestaltung bildet. Ob es allerdings
nötig sein wird, die in jüngster Zeit zu
Tage getretene Vorliebe für Schilderungen aus
dem Gebiete der biblischen Geschichte mit
einem gesteigerten religiösen Empfinden zu
erklären, das zu beurteilen, dazu stehen wir
noch zu sehr im Flusse der Dinge; der einzelne
mag ja vielleicht solchem Fühlen ferne
stehen, in der Masse ist es jedenfalls vorhanden
. Wie dem nun aber auch sei, für
jeden Fall bieten die Erzählungen der beiden
Testamente eine reiche Fundgrube für Darstellungen
des menschlichen Körpers, die ohne
jeden weiteren Kommentar unmittelbar zu den
Sinnen des Beschauers sprechen.
Zu den jüngeren Münchner Künstlern, die
sich in der Stille am erfolgreichsten um einen
neuen Stil in der Malerei bemüht haben, gehört
heute Julius Hüthhr. In seinen Gemälden
, bisher nur Tafelbildern — er teilt dies
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