Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 35. Band.1917
Seite: 319
(PDF, 137 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_35_1917/0359
raffael

der heilige georg

durchschneiden einander. Nur die große schräge
Linie der Lanze ist bestimmend. Der Stoß
ist die Hauptsache. Er trifft ruhig sein Ziel.
Das Pferd ist Nebensache, aber der Ritter und
der Drache, das war eine Augenweide aller.
Wie wundervoll romantisch alles, was das
gespannte Auge nach und nach findet. Nichts
ist spärlich, nichts einfach — so einfach die
Technik. Kompliziert, verwickelt, verknüpft
ist alles. Kraus das Linienspiel, kraus die
Wolke, unruhig das Laub, formal unruhig
selbst die wehrhaftige Burg auf dem zackigen
Felsberg. Bewegt selbst der Berg. Sturmgebeugt
die Bäume auf den Höhen. In der
Rüstung spielt mehr Licht als bei Raffaels
vornehmem Ritter. Dort nur ein ruhig gesammeltes
Licht, hier Lichter und Schatten
überall. — Der Ritter Raffaels trägt nur zwei
steife Federn am Helm, bei dem Altdorfers
mag's ein ganzes Dutzend sein, das nach allen
Seiten zittert und wiegt. Dort ruhige bedeutende
Pose — hier Erzählung — hier Bilder
ohne Ende. Wie „Dürers Madonna mit den
vielen Tieren" von viel stärkerer Naturlust
der Deutschen erzählt als alle Bellinis von
der der Venezianer, so ist Altdorfers geheimnisvoll
belauschter Drachenkampf fast wie ein
Faustschlag auf alle Ruhe der Florentiner und
Umbrier. — Hat Altdorfers Pferd nicht so
viel Festigkeit wie das Raffaels — so ist

dessen Margarete doch nur von bühnenmäßiger
Haltung. Die Altdorfers aber lebt mit. Sie
duckt sich zitternd im Laub. — Alles in allem,
der deutsche Holzschnitt ist beunruhigend
stark, ist nicht Form nur — ist Leben.

Der Vergleich gibt kein Dogma — sondern
Tatsachen, viele Erinnerungen an ähnliches
diesseits, ähnliches jenseits der Alpen. Zweifellos
bekam dort wie hier jedes Volk von seinen
besten Künstlern das, was es brauchte. Dort
herrschte die sichernde Formel, hier die
wagende Freiheit. Hier, nicht dort herrschte
das Temperament, die Lust zu schauen und
zu schildern. Die für das Auge zunächst
unklare Verknüpfungslust deutscher Gestaltung
lebt in Dichtung und Prosa, lebt in dem Tiergeschlinge
nordischer Fibeln, im Filigran der
Plastik gotischer Dome, lebt in jedem Kapitäl
in jeder Fiale, lebt in den Höllen des Bosch
und des Rubens, im Hundertguldenblatt Rem-
brandts, in den Holzschnitten Richters und
Menzels, lebt fort in unseren Tagen. Und diese
Lust an dieser »formlosen Form" das Auge für
Natur und Landschaft hat die echte deutsche
Kunst groß gemacht. So lange die Völker verschieden
, so lange muß jede echte Kunst andere
Form haben als die eines anderen Landes.
Die Schönheit das ist die Rasse. Es gibt keine
Mischung, kein Uebereinkommen über die
Grenzen. Also die Augen auf! Bredt

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