Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 35. Band.1917
Seite: 341
(PDF, 137 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_35_1917/0387
Schnitzaltäre im Namen Gottes zerstört! Wir
wollen darum nicht rechten. Goethes Wort:
„Jede neue Idee, sobald sie in die Erscheinung
tritt, wirkt tyrannisch", bewahrheitet sich auch
hier. Es gehört zu den großen, noch ungelösten
Problemen, wie dem Protestantismus,
der eine einseitige, wenn auch sehr bedeutende
Kultur des Ohres in der Kirchenmusik
großgezogen hat, eine Aiigenkultur zurückerobert
werden kann, wie sie der mittelalterlichen
Kirche selbstverständlich war. Die Heiligen
sind entthront; aber die Bibelmänner und
Bibelfrauen, die Propheten und Apostel bleiben.
Mit diesen Gestalten, ihrem Geschicke und
ihrer Erhöhung läßt sich sehr wohl eine protestantische
Ikonographie ausbilden. Ohne legendarische
Zutat und Fabulierlust geht es freilich
nicht ab; sonst wird die Situation frostig. Der
gotische Schnitzaltar des Mittelalters kann uns
eine Richtschnur geben, um auch die protestantischen
Altartische aus ihrer Kahlheit zu
erlösen. Unbedingt muß Ausdrucksreiches und
Monumentales hier Platz finden. Es ist nicht
erlaubt, Leonardos Abendmahl in gedruckten,

wenn auch großen und farbigen Reproduktionen
, hier aufzustellen. Andererseits wirken
die ewigen Repetitionen des Thorwaldsenschen
Christus auch frostig und leicht wird die Feierlichkeit
ölig. Malerei und Plastik sollten sich
im Triptychon zusammentun. Die Mitte hätte
etwa der „Gnadenstuhl in Wolken" zu bilden,
die Trinität oder der Ostermorgen. Auf die
Flügel kämen Huldigungsbilder, sei es die der
drei Könige, seien es Szenen der eigenen Heimat.
Außen auf die Flügel gehören ausdrucksreiche
Hauptfiguren, etwa die vier Evangelisten oder
andere Apostel. Vielleicht wagt man auch Luther
und Schleiermacher, Paul Gerhardt und einen
Gottesmann der Heimat, wie Johann Sebastian
Bach. Man sollte nicht ängstlich sein und auch
einmal das Neue wagen. Bedingung ist freilich,
daß alles nicht nur lang durchdacht, sondern
auch wohl abgewogen sei. Für die Saloppheit,
mit der Lovis Corinih sein Triptychon in
Tapiau komponiert hat, sind wir nicht zu haben.
Ins Gotteshaus gehört nur das höchst Gesetzmäßige
. Denn auch hier ist die Ordnung die
Mutter höheren Lebens.

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