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WALTHER TEUTSCH
Von Hermann Esswein
Die Künstler der jüngeren nachimpressionistischen
, nachsecessionistischen Generation
stellen sich auf ihren Ausstellungen
dem Publikum weit günstiger vor als in den
Kunstzeitschriften, die auch in der vollkommensten
Reproduktionstechnik kein Mittel
haben, das Wesentlichste dieser neuen Kunst
wiederzugeben: Ihren Aufbau aus der Farbe
heraus. Eine wie große Rolle das Licht auf
den Gemälden Walther Teutschs spielt, läßt
die Schwarzweiß-Abbildung wohl erkennen,
aber da es die farbige Lichtabstufung ist,
die mehr und deutlicher als in früheren Kunstperioden
der Umriß oder die massive Flecken-
und Flächenbauart späterer Richtungen die
Gegenständlichkeit der Dinge besorgt, und da
gerade diese reich differenzierte, hauchartige
und doch so eindringliche Farbenerscheinung
von keinem mechanischen Abbildungsverfahren
in ihrer Eigenart zu erfassen ist, so bleibt
dem inneren Anschauungsvermögen des Lesers
und Betrachters fast das Beste zu tun.
Weit leichter fällt natürlich die Nachprüfung
der kompositionellen Unterschiede, die uns
diese grundsätzliche Wandlung der Kunstanschauung
gebracht hat. Wo wir auch das
Abbildungsmaterial dieses Aufsatzes anblättern
mögen, neben der unverkennbaren Eigenart
Teutschs fällt uns allenthalben die genaue
Verbindung auf, in der seine Auffassungsweise
zu der Zeit steht, zu eben der grundsätzlichen
Wandlung der Bildform. Die Neuerung,
welcher der oberflächlich Urteilende gegenüber
zu stehen glaubt, erweist sich da bald
genug als eine Rückkehr, und das Auge, das
durch die realistische Studienmalerei der letzten
Jahrzehnte an das Wiedererkennen von
Bestandteilen der Naturwirklichkeit gewöhnt
worden war, muß sich wieder zu seiner ursprünglichen
Erziehung durch die Galerien,
durch die großen Meister der besten Zeiten
zurückgewöhnen.
Vom Verismus ward die Landschaft genommen
, wo und wie sie vor Augen lag.
Aus der Verachtung des Motivs quoll die
Lehre von der ästhetischen Gleichberechtigung
aller Wirklichkeitsanregungen. Alles war malbar
, denn alles, die reiche Vedute so gut
wie der engbegrenzte Kohlfeldausschnitt hatte
teil an der Unendlichkeit von Licht und Luft.
Müde der unzulänglichen, kunstgeschichtlich
abhängigen und aufdringlichen „Persönlichkeiten
" forderte und erzielte man das Verschwinden
der Individualität hinter der Sache,
und indes die Ausschnitte immer belangloser,
der seelische Gehalt des Kunstwerkes immer
dürftiger wurde, verfeinerte sich das Handwerk
sowohl optisch wie manuell immer mehr.
Der Durchschnitt der Malerei versandete im
Photographischen, während ihre Auslese, am
deutlichsten wohl mit der neoimpressionistischen
Form, auf den Holzweg einer „Wissenschaftlichkeit
" geriet, welche die Malerei nur
von ihren eigentlichen Zielen abzudrängen vermochte
.
Mit Teutsch und seinen Gesinnungsgenossen,
welche die Münchener „Neue Secession" umschließt
, treten nun wieder starke und natürliche
Empfinder auf den Plan, künstlerisch
gestimmte, aber sachlich ernste Maler von
Grund aus, denen es um seelischen Ausdruck
durch die Malerei zu tun ist, nicht aber
Stimmungsmaler, die von außen her allerhand
Romantisch-Literarisches einer im Grunde
nüchtern-realistischen Bildform aufpfropfen
oder mit billigem, rein physiologisch anregendem
Kolorismus den Betrachter zum Mitschwingen
überreden wollen. Der Subjektivismus
dieser jungen Generation hält sich ehrlich
an die eigene Erfahrung und er ist, wo
er sich nicht in lediglich von Theorien angeregten
Experimenten verlor, viel zu fest in
den Anregungen der Naturwirklichkeit verankert
, um ins Schemenhafte zu verschweben.
Die neue Generation wird nach Ausschaltung
der Uebergangsexperimente von der älteren
doch ein Wesentliches gelernt haben: Die
Ehrfurcht vor den unverjährbaren Gegebenheiten
der Malerei als einer Sinnenkunst, die
auch nach dem höchsten Geistesfluge imstande
sein muß, auf sicherer Erde sicher zu landen.
Die Loslösung aus dem Ueberkommenen, die
natürlich weit mehr Belege gezeitigt hat als
das hier Gezeigte, der Weg von der realistischen
zur geistigen Form der Landschaftsmalerei
, läßt sich an der Hand von vieren
unserer Abbildungen bequem verfolgen:
Die Landschaft mit den Hügeln (Abb. S. ?43),
zwischen denen ein Ochsengespann in die
Heide austritt, ist genau so naturnahe, wie
nur irgend ein starkes Werk der Impressionistenzeit
, aber ihre aus wuchtigen Geländerhythmen
, den Akzenten der Baumvegetation
und der groß und anmutig bewegten Luft
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