Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 35. Band.1917
Seite: 363
(PDF, 137 MB)
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KÄTHE KOLLWITZ

selbst so vollkommen und eilt ihr weit voraus.
All die literarischen Erlebnisse, wie Zola oder
Hauptmann, all die Erlebnisse der bildenden
Kunst, wie Klinger oder Greiner erhöhten
höchstens die Gewalt des Werdeprozesses in
ihr, aber sie befahlen ihr nichts. Der Prozentsatz
der Freiheit in Käthe Kollwitz ist
ein so ungeheurer, daß man jede geringste
Anlehnung, jedes Atom eines fremden Elementes
sofort empfindet und ablehnt.

Kampf ist alles in ihr. Wie ein Riese geht
sie unentwegt hocherhobenen Hauptes auf das
Ziel los, das sie sich schon mit 20 Jahren
gesteckt. Befreiung des Arbeitervolkes aus
seiner Niedrigkeit ist ihr Wille. Die Größe

KOT. WEBER AUFSTAND BL. 1 (LITHOGRAPHIE)

ihres Vortrages hat sie vor der Zensur bewahrt
. Die Armut will sie zeigen in ihrer
ganzen furchtbaren Wucht, dieses erste Glied
der langen Kette der Uebel des Proletariats.
Ein unbeirrbarer Glaube hält sie auf ihrer
Bahn. Sie ist eine ausgesprochene Sozialistin.
Und als Sozialistin wählte sie auch die Graphik
zu ihrem Mittel. Sie wollte alles ohne
Farbe sagen, nur die Wirklichkeit geben.

Das Bildnis stellt die reinste Form ihrer Kunst
dar, nicht das ausweichende, die Linie lösende
Porträt von der Seite, sondern in der Hauptsache
das Enfacebildnis, das unerbittlich das
Auge auf sich zwingt. Das Enfacebildnis ist der
höchste Grad dieser ganzen „Bildnis"kunst.

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