Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 35. Band.1917
Seite: 382
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KÄTHE KOLLWITZ

ZEICHNUNG

dann zuletzt unter einem Kunsthistoriker einen
Menschen verstehen würde, der weder vom
Künstler noch vom Historiker etwas im Blute
hat. So ist das Heiligtum unserer öffentlichen
Sammlungen an moderner Kunst und der so
schwere, viel Abwägung und Charakter verlangende
Beruf, Wache zu halten an ihren
Toren, freventlichst gefährdet. Nur das urkundlich
Große darf Eingang finden, und im
modernen Vorgang historisch zu sehen, ist die
schwerste der Aufgaben. Notwendig muß die
Reform der künstlerischen Vorbildung an beiden
Punkten einsetzen, wenn wir die jüngste
Zersetzung der Kunstformen bekämpf en wollen.

Ich fügte zur Ueberschrift hinzu — der
Allgemeingebildeten. Ich weiß wohl, daß ich
mit dem, was ich jetzt sagen will, bei einem
Leser aus Schulkreisen auf Kopfschütteln oder
gar auf schroffe Zurückweisung gefaßt sein

muß: Ich halte es für möglich, daß die Zeichnung
der menschlichen Figur zum Gegenstand
der allgemeinen Bildung gemacht werde, weil
ich der Meinung bin, daß die Fähigkeit hierzu
in höherem oder geringerem Grade zur normalen
Begabung gehört, so wie die Abfassung
eines Aufsatzes in korrekter deutscher Sprache.
Wie, wer dies zweite versteht, noch lange nicht
das Patent zum großen Schriftsteller oder Poeten
erlangt hat, so ist auch noch lange nicht, wer
jenes erste versteht, zum großen Maler berufen
. Rein psychophysisch liegt die Frage der
Begabung anders wie in der Musik. Möge
die Tonwahrnehmung, die Empfindung von Dissonanz
und Konsonanz, welche zahlreichen
Individuen völlig fehlt, viel Paralleles haben
mit der Farbenwahrnehmung, im rein Linearen
liegt die Parallelität nicht in gleicher Weise
vor. Die Zeichnung der menschlichen Figur

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